Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Aufbruch in eine neue (Hör)Welt?

4
Apr
13
sandy

Anfang März: In meiner neuen Bleibe, eine Mädels-WG, liegt nach einem anstrengenden Arbeitstag im Flur mein Poststapel. Unter anderem auch ein dicker großer DIN A 4 Brief von meinem Kostenträger der REHA. Zusage, Absage? Schnell wird der Brief geöffnet und siehe da: positiver Bescheid über 3 Wochen Reha! Ungläubig lese ich den Bescheid gefühlte 100x, bevor ich laut schreie und im Flur auf und ab hüpfe. Meine WG-Mädels freuen sich mit und werden heftig gedrückt, bevor ich meinen Eltern die positive Neuigkeit am Telefon mitteile.

Ostern: Post von der Reha Einrichtung direkt: Ab den 14.04. geht es los. Ein komisches Gefühl überkommt mich: So früh schon? Ich habe ja keine Zeit mich richtig darauf einzustellen! Was wird aus meinen Resturlaub aus 2015? Schafft meine Kollegin die Arbeit alleine? Und Himmel, ich wollte doch noch meinen Geburtstag nachfeiern mit meinen Freunden!

Ich musste mich erst mal setzen und meinen Gedanken freien Lauf lassen. 2 Wochen und dann soll ich schon auf der Reha sein. Und vorher muss irgendwie noch Resturlaub genommen werden, sonst verfällt dieser. Panik steigt in mir auf. Was ist mit der Arbeit? Schaffe ich es in 1 Woche alles zu managen? Und an meinen Geburtstag wollte ich doch auch früher Feierabend machen und mir einen schönen Tag machen!

Erst mal informiere ich meine Eltern und meinen Freund, alle freuen sich für mich und auch ich bekomme langsam Gefallen daran, auf der Reha zu sein. 3 Wochen, die nur meinen Ohren gehören. 3 Wochen raus aus dem Alltag, 3 Wochen Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten. Und vorallem 3 Wochen, die nur mir selbst gehören.

Anfang April: In der Früh lasse ich mir Zeit, bis ich in der Arbeit bin, der letzte Arbeitstag. Packe noch die letzten Sachen ein für die Reha. Schaue aus meinen Fenster in den großen Innenhof und entdecke einen Wildhasen, die bei unserem Stadtviertel öfters mal herumhoppeln. Ich werde wehmütig, die Stadt, wo ich erst seit kurzem wohne, die Hasen, die Mädels in der WG, meine Familie und ja auch die Arbeit und meine Arbeitskollegen werde ich vermissen!  Es fühlt sich an, wie Abschied nehmen. Abschied von mir selber. Werde ich nach der Reha die gleiche Person wie jetzt sein? Inwiefern werde ich mich selbst verändern? Werde ich noch offener mit meinen Hörschädigung umgehen? Werde ich danach noch mehr Blut geleckt haben, noch besser verstehen/hören zu wollen? Und ist das unbedingt gut, noch mehr zu wollen? Meine eigenen gesteckten Ziele habe ich erreicht, das reicht doch und ich bin unfassbar stolz was ich schon geschafft habe. Werden die Therapeuten vor allem noch mehr als ich wollen?  Und überhaupt, wie wird die Reha meine Ohren verändern? Werde ich in dieser Zeit zu ehrgeizig, dass ich danach enttäuscht bin, nicht alles erreicht zu haben?

Mit meinen großen Rucksack bin ich auf dem Weg zur S-Bahn Station, um auf die Arbeit zu gelangen. Eine seltsame Ruhe überkommt mich. Ist diese Reha in irgendeiner Weise ein neuer Start? Werde ich etwas dadurch verändern, was an mir nagt und werde ich noch positiver dem Leben gegenüber stehen?

Am letzten Arbeitstag bin ich ruhiger als sonst, da mich die Frage beschäftigt, inwieweit man meine Arbeitssituation in Bezug auf meine Ohren verbessern könnte. Und wie ich nach der Reha, die Arbeit erledigen werde. Wird sich überhaupt etwas ändern? Der Abschied von meinen Arbeitskollegen fällt mir schwer, da wir uns alle sehr gut verstehen.

Der letzte Blick auf meine Arbeitsstelle. Bus, S-Bahn und 2 Züge bis ich endlich bei meinem Freund, der etwas weiter weg wohnt, ankomme. 3 Tage Urlaub verbringe ich bei ihm, um genug Kraft zu tanken für die Reha. Und ich bin heilfroh, dass er mich an dem ersten Wochenende besuchen will.

Morgen geht es schon los. Ein guter Bekannter wird mich vom Bahnhof abholen. Gottseidank kenne ich zumindest schon einen, der auch dort ist und werde mich nicht alleine fühlen.

In dem Sinne: Es wird schon alles werden und ich denke ein paar Gedanken werden sich auch in Luft auflösen. Und wenn ich mich dennoch einsam fühlen werde, werde ich einfach meine Eltern oder meine Oma anrufen und mir ein bisschen Familie in die Reha holen. Und mich auf das große Wiedersehen freuen, auf meine Familie, Freunde und meine Hasen 😉 !

Wer bist du denn? Aktion Mensch

3

Begegnungen

Hamburg; eine leer stehende Fabrikhalle am Rande der Stadt. Früher Morgen.

Noch etwas nervös, aber voller Tatendrang, treffen 40 Männer und Frauen ein. Ihr Ziel: Sie wollen in einem von zwei Fernsehspots einer sozialen Organisation auftreten. Mehr wird ihnen erst einmal nicht verraten. “Das war schon komisch”, erinnert sich Ulrike, “wir durften noch nicht einmal alleine auf Klo gehen. Den ganzen Tag über war einer bei uns im Raum, der uns im Auge behalten hat.” Tatsächlich sind die Kandidaten mit und ohne Behinderung in verschiedene Räume geführt worden. Ihre erste Begegnung sollte vor laufender Kamera stattfinden, denn die Aktion Mensch möchte nicht nur Darsteller für zwei Werbespots finden, sondern auch Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zeigen, wie sie verlaufen und was sie bewirken können.

Auf der Homepage von Aktion Mensch, findet ihr auch ein Video mit Untertiteln und DGS

Quelle: https://www.aktion-mensch.de/begegnung/menschen-begegnen/casting-der-besonderen-art.html

Nass oder trocken – trocken oder nass?

1
Apr
4
Katja

Rückblende 2003

Wasser ist mein Element. Aber geht das mit einem CI? Na klaro, es kommt einfach ab, davon lass ich mich nicht vom Schwimmen oder Kajaking abhalten. Beim Segeln mit der Familie jedoch waren die Ratschläge und gut gemeinten Hinweise nicht weit: „Hast du deinen Sprachprozessor in die Dose eingepackt?“, „Pass auf, dass du nicht mit dem CI hängen bleibst!“ (Es war noch der SPrint-Prozessor von ganz früher). Nach einer Brille kann man tauchen gehen, nach einem CI auch, nur verträgt sich Elektrizität mit Wasser nicht gerade optimal…

Bei befreundeten Seglern saßen wir nachmittags auf dem Schiff zusammen bei Kaffee und Kuchen. Ich saß mit den anderen Kindern auf der Kante und trank Apfelsaft. Plötzlich rutschte mir der Becher aus der Hand und landete mit einem Platsch in der Ostsee. Nichtsahnend dass auch ich gleich im Wasser sein würde, kletterte ich auf die kleine Heck-Plattform und hielt mich an der Badeleiter fest. Der Haken an der Sache war: die Badeleiter war nicht fest – ergo konnte sie mich nicht halten. Ich lehnte mich vor und griff nach dem Becher und ehe ich mich versah, war ich unter Wasser. Ei glitzerte die Sonne schön! … Irgendwas ist faul hier, irgendwas passt nicht mit meinem Weltbild zusammen. Ich mit CI hörend im Wasser, da ist was ganz schief, oder ganz, ganz still…

Japsend kam ich wieder an die Wasseroberfläche und ergriff die Hände, die mich aufs sichere Boot hochzogen. Da saß ich nun und mir dämmerte, dass mein Sprachprozessor unwiederbringlich kaputt war. Und das auf einer kleinen Insel irgendwo in Dänemark.

Ein Glück hatten wir im Holidaypack ein Ersatzgerät dabei. Mein größter Wunsch in dem Moment war, ich möchte doch nur einfach mal segeln und am Wasser sein, ohne ständig aufpassen zu müssen, an spontanen Wasserschlachten teilnehmen…

Ein paar Jahre später (2015)

Ich stehe auf der Slipanlage an einem großen See. Das Wasser glitzert in der Sonne, die Sonne scheint warm auf den Rücken. Trau ich mich oder trau ich mich nicht. Doch der Wunsch nach dem Erlebnis unter Wasser zu sein und ja, was dann? Was würde ich hören…? Was würde ich unter Wasser hören, was mir in meinem bisherigen Leben – immerhin ein Vierteljahrhundert – noch nicht möglich war. Wie würde es sich unter Wasser anhören…?

Mit einem Köpfer springe ich in den See hinein und blubb, blubb, blubb… ich schwebe im Wasser und ist es still. Eine Stille, die ich noch nicht kenne. Eine Stille, die ich hier nur im Wasser erlebe. Und ja, sie ist anders als wenn ich meine CI ablege. Ich schwimme tauchend ein paar kräftige Züge durch den See. Ein Glücksgefühl breitet sich in mir aus, ich gleite sanft durch die Wogen des Sees, das Wasser rauscht in meinem Ohr. Und ich ziehe immer mehr Züge und freue mich so sehr über das Plätschern.

Wieder zurück am Ufer – die Wassertaufe hat das CI mit der Wasserschutzhülle erfolgreich überstanden. Nun hole ich mein Laser-Boot und ziehe mit der Segler-Gruppe auf das Wasser. Bei einer kräftigen Windböe hänge ich meine Beine in den Gurt ein und reite aus. Das Boot fängt fast zu fliegen an, ich lasse meine Kopf baumeln und ziehe rücklings meine Haare durchs Wasser und es ist nicht länger still!