Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

“Ich wusste schon ungefähr, was dort passieren wird”

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SHG-Leiter Seminar in Königswinter 14.-16.10.2016

Ich möchte von meinem ganzen Herzen einen Bericht über das Geschehen in Königswinter schreiben, natürlich hat jeder die Programme, Diskussionen, schöne Momente mit junge Selbsthilfe u.v.m. gesehen, der dabei war. Aber ich bin davon fest überzeugt, dass die meisten Teilnehmer – UND natürlich jeder Leser und Leserinnen, die gerade mein Schreiben lesen – vielleicht noch nicht so richtig begriffen haben, was die junge Selbsthilfe überhaupt wirklich wollen! Ich werde genau das schreiben, was ich erlebt habe! Deswegen habe ich es mir überlegt, okay das bringe ich mal aufs Papier.

Ein paar Wochen vor dieser Veranstaltung bimmelte mein Handy ständig in einer von meiner WhatsApp-Gruppe über dieses Thema, denn es wurde geschrieben/diskutiert und gesagt, dass die junge Selbsthilfe bitte dabei sein sollen bei so einer Rentnerveranstaltung, wo nur die… die alte Säcke meistens davon die Rede war! Doch etwas Unglaubliches ist geschehen, denn wir die junge Selbsthilfe waren so motiviert und begeistert, sodass wer zu der Zeitraum Zeit hat, tatsächlich auch körperlich dabei war! Letztendlich waren ca. 10 junge Leute dabei in Königswinter. Selbst ich war davon sehr überzeugt und wenn ich ehrlich bin, wusste ich bereits schon ungefähr, was dort passieren wird!

Alleine schon am Freitag ging es los, gleich nach der Ankunft in Königswinter sah man die pure Freude des Wiedersehens meiner Freunde und der bekannte Gesichter, es wurde viel erzählt, gequatscht, gequasselt, gebärdet und was weiß ich noch alles. Anschließend gab es noch Begrüßungsworte von unserem Präsidenten Roland Zeh und Oliver Hupka und danach eine Kennenlernrunde. Soweit alles ganz gut und nett. Das war’s dann auch schon für den Freitagabend, aber für uns junge Selbsthilfe selbstverständlich nicht, denn bei uns hat erst gerade angefangen. Okay ich fasse mal kurz – außerdem darf ich sowieso nicht alles erzählen, denn was dort passiert ist, bleibt auch da! – die Nacht wurde durchgefeiert bis zum Frühstück mit großem Maß an Humor, Freude, Erzählungen, Unterhaltungen, Spiele wurden gespielt, Unglaubliches ist passiert und so weiter und so weiter… Ahja wenn ich dies lese, gehen meine Erinnerungen wieder hoch!

Dennoch muss ich mich ab jetzt entschuldigen,     ich     habe     die     sämtliche    Programme   verpasst, da ich gleich nach dem Frühstück direkt pennen gegangen bin, wobei aber alles erst gerade angefangen hat! Ich weiß es zu schätzen, dass vorallem für uns junge Selbsthilfe durch die Programme/Seminare etc. vieles lernen können (deswegen sind wir ja auch da, oder?) und bis heute habe ich immer noch keine Ahnung, was gemacht wurde! Aber gleich danach meinte doch der Herr Hupka zu mir „Alles gut, du hast nichts verpasst.“

Ups? Ja genau das hat er zu mir gesagt und genau das will ich versuchen zu schreiben, was gemeint ist!

Jeder, fast wirklich jeder weiß was los ist in den SHG-Vereinen. Kaum junge Leute sind da, wohl eher mehr ältere Menschen und da fragt man sich, warum? Ich möchte da jetzt nicht tiefer eingehen. Auch ich werde auf diese Frage keine Antwort geben können, da ich selber nicht weiß. Aber vielleicht macht es bei den einen oder anderen einen Klick im Kopf, sodass es vielleicht klar ist was zu machen ist.

Ich bin umgebend sehr viel mit meinen Freunden beschäftigt und oft unterwegs am Wochenenden, gemischte Freunde habe ich, Hörgeschädigte, CI-Träger, Gehörlosen, Hörende. Ok Hörende lassen wir mal weg. Unterschiedliche Freundeskreise habe ich und daraus konnte ich jede Menge lernen! Es ist egal wo ich bin, wie spät es ist, wann es ist und was es passieren wird! Nur durch so habe ich die unterschiedlichste und interessanteste Erfahrungen gemacht. Es spielt überhaupt keine Rolle zur welche Zeit und zur welche Ort es sich gerade befindet, ob es in einer Kneipe ist, aufm Weihnachtsmarkt, aufm Weinfest, Zuhause im Wohnzimmer, Geburtstagsfeier, am Bahnhof, auf einer Veranstaltung oder sonstwo! Nur so kann man tolle Erfahrungen austauschen, ich könnte jetzt viel zu viele Beispiele nennen wie zum Beispiel fragt Einer in der Runde, wie genau es funktioniert mit der Wertmarke bezüglich der Behindiausweis und schon ist da jemand, der sich damit auskennt. Oder da will jemand Gebärdensprache lernen und zack kommt man zum Thema und bringt es bei. Oder da ist jemand unsicher mit der CI-Operation und schon werden Erzählungen ausgetauscht. Oder da will jemand wissen, wie es im Studium mitm Dolmetscher genau läuft und schon hat jemand da Erfahrung gehabt und gibt es weiter, oder oder oder…!     Das     ist     für     mich     Selbsthilfe!

Noch etwas möchte ich hinzufügen, wie unglaublich wichtig und vor allem Spaß es macht! Denn wirklich jedes Mal, wenn ich mich unter solche Freundeskreise befinde, ist für mich Entspannung und NO-Stress pur angesagt! Ich habe wirklich sehr selten erlebt, dass die Hörgeschädigten so gut wie gar nicht bzw. sehr selten nachfragen, was eben gerade bei einem Thema/Diskussion/etc. gesprochen wurde, weil man nicht verstanden hat. Ja ganz eindeutig, weil wir genau wissen, was zu tun ist und genau wissen, was wir für Probleme im Alltag haben und von daher unterstützen wir uns gegenseitig. Wäre diesbezüglich auf einer Aktion für Hörende gewesen, wäre man, seien wir mal ehrlich, längst ins Bett gegangen. In andere Worte gefasst und gesagt ist das für mich Kommunikationstraining und Peer Counseling! Wir beraten uns gegenseitig, wir helfen uns miteinander, wir zeigen denen Mut, wir zeigen, was wir können und vor allem zeigt es uns, was wir sind!

Nun wieder zurück zu Oliver Hupkas Worte,     genau     das     ist     was     junge     Menschen     wollen! Er hat es begriffen! Genau so habe ich es erlebt und verstanden, was uns wirklich Spaß macht! Daran glaube ich! Das ist auch der Hauptpunkt, warum ich bei dieser Rentnerveranstaltung in Königswinter dabei war.

Ich bedanke mich und viele liebe Grüße! 🙂

Chris

Vom Glück ins letzte Konzert zu kommen

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Okt
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Katja

Eines lauen Sommerabends bin ich nach dem Treffen mit einer Freundin durch die Freiburger Altstadt gebummelt. Auf dem Weg nach Hause nahm ich Musik wahr und viele Leute saßen in Hochsommerstimmung auf dem Fußboden, teils sogar mit mitgebrachten Camping-Stühlen, mit einem Glas Wein in der Hand. Ach, das sieht schön aus, keine Ahnung was es ist, aber ich setzte mich mal in die Menge dazu. Auf einer riesigen Leinwand wurde ein Konzert übertragen. Die einführenden Texte des Moderators verstand ich nicht, aber die klassische Musik klang schon schön.

Pause –  Intermezzo

Es folgte eine Pause, ich holte mein Tagebuch raus und begann zu schreiben. Schließlich war das ein Erlebnis, was ich festhalten wollte. Ich spürte etwas hinter mir, es kam eine Frau um mich herum und sprach mich dann von vorne an. Ob ich Lust hätte, mit ins Konzert reinzukommen, es wäre jetzt der letzte Abschnitt und ihr Partner war aus terminlichen Gründen verhindert und es wäre ja so schade, wenn die Karte einfach so verfallen würde. Sie wäre dann einfach zur Live-Übertragung nach draußen in die Menge gegangen und wollte jemandem, der alleine sitzt eine Freude machen. Ich war nun völlig unvorbereitet, wo kam ich her: aus dem Freibad, entsprechend, noch leicht nasse, chaotische Haare, Sommer-Shorts und T-Shirt. Und ich sollte da rein, so schick angezogen wie sie alle waren… Ui, ui. Na, ich wusste das Glück zu schätzen und dachte, mir egal, wie ich aussehe, ich habe die Chance klassische Musik live zu erleben. Als sie mir dann auf meine Nachfrage auch noch erzählte, was für ein Konzert es war: das letzte Konzert des Südwest-Rundfunk-Orchesters, das nun mit einem anderen Orchester fusionierte. Und die Karten waren seit über einem Jahr ausverkauft.

Adagio

Sie stellte mich ihrem Freundeskreis vor und dann ging es auch schon zurück in den Saal. Ich erklärte ihr kurz, dass ich auf den Musikeindruck gespannt bin, da ich schwerhörig bin. Sie meinte, dass der Klang des Konzerthauses besonders herausragend sei. Uii, das setzt möglicherweise die Erwartungen hoch und ich bin mir manchmal einfach nicht sicher, ob ich so etwas raushören kann. Sie kannte sogar das Hörzentrum „Stegen“ und das CI und fragte mich auch ganz viel, wie ich die Musik höre und wahrnehme.

Adantino – Einfach eintauchen und loslassen

Es ging los. Erst kam ein ganz ruhiges Stück, mit ganz vielen leisen Tönen. Ich hörte eine Trompete, die immer wieder Soli spielte, aber ich sah sie nicht. Ich machte, statt mich zu wundern, einfach die Augen zu, und lauschte und beschloss einfach zu genießen ohne jegliche Ansprüche und zu beobachten, wie die anderen reagieren: Ich machte einfach meine Augen zu und machte meine eigene Musikreise. Das allerletzte Stück des Orchesters war sehr kontrastreich, sehr viele Instrumente spielten gleichzeitig und mit den Augen zusätzlich konnte ich sogar die Querflöte finden. Mit vielen Trommelwirbeln, und Tuschs und erneuten Auftakten im Lied endete dieser Auftritt. Inzwischen hatte ich auch den Trompeter erblickt, der hinter uns hoch oben in einer Kammer stand. Die Zuschauer standen auf, hielten Zettel mit „awesome, wonderful, you are amazing, lovely“. Es war ein ganz großer Abschied mit vielen zu Tränen gerührten Musikern.

Alegretto

Draußen fiel mir auf, dass ich meine Haare so hochgebunden hatte, dass man meine CIs deutlich sah, und nicht wie sonst eher dezent unter den Haaren. Wer weiß, vielleicht hat das meinem Glück einen Stupser gegeben?!