Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Sinneserweiterung, die zweite

1
Mai
22
Norma

Meine Kurzhörbiografie: Von Geburt an auf beiden Seiten an Taubheit grenzend schwerhörig und viele Jahre lang zwei Hörgeräte getragen. Davon jetzt über elf Jahre mit einem Cochlea-Implantat (CI). Lange, lange Zeit damit zufrieden gewesen. Das Hörgerät auf der nichtimplantierten Seite ist irgendwann in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden, da es partout nicht mit dem CI mithalten geschweige denn harmonieren wollte.

Die Folge dessen: Ich bin das Hören allein mit dem einen CI gewohnt. Dolby Surround kannte ich eh noch nie. Mit dem CI aber kann ich Sprache, Geräusche und Musik viel klarer erfassen als früher mit Hörgeräten – das war für mich die pure Sinneserweiterung. Die Welt ist seitdem viel farbenfroher geworden, war sie zuvor noch ein Schwarz-Weiß-Bild.

Lange Zeit empfand ich es ausreichend. Hatte nicht das Gefühl, da könnte mehr möglich sein. „Mehr“ hatte ich schließlich noch nie erlebt und hätte ich auch nicht zu träumen gewagt. Zudem habe ich mich daran gewöhnt, dass mein eines Ohr – so „nutzlos“ es sein mag – frei ist. Kein Gerät, das es tragen muss. Haare kann ich problemlos dahinter streichen. Kann mich auf die freie Seite legen, ohne dass etwas drückt. Ein Stückchen gefühlte persönliche Freiheit.

Klingt das verrückt?

Doch nun hat sich etwas geändert. Es war keine einzelne bestimmte Situation, wo es bei mir “Klick” machte, wie ich es von anderen gelesen habe. Sondern vielmehr verschiedene Momente, in denen ich dachte: Was wäre, wenn…

Was wäre, wenn ich ein zweites CI hätte? Könnte ich in dem Gespräch mit meinen zwei Kollegen, die schnell miteinander reden, mehr mitbekommen? Könnte ich die Lautsprecherdurchsagen auf dem Bahnhof oder im Zug einfacher verstehen? Könnte ich der Gruppenunterhaltung mit Freunden beim Bowlen oder in der Bar besser folgen? Könnte ich die Richtung, aus welcher der Ruf kam, schneller orten?

Könnte ich tatsächlich noch mehr hören, als ich je in meinem Leben gewohnt war?

Diese Vorstellung gibt mir Gänsehaut. Plötzlich mache ich mir täglich Gedanken über das zweite CI. Kann mir immer mehr vorstellen, dass ich den Schritt (erneut) wagen würde. Dass ich noch einmal die Operation über mich ergehen lassen würde. Die ganzen Strapazen von Krankenhausaufenthalt, Heilungsprozess, Anpassung, Geduldsübungen und Hörtraining – vor allem jede Menge Hörtraining, tagein, tagaus, über Wochen und Monate. Vor ein oder zwei Jahren noch hätte ich mich dagegen gesträubt. Mich zu sehr auf das Risiko der OP fixiert, nicht noch ein Implantat gewollt (fühle mich jetzt schon manchmal wie ein Cyborg). Und vielleicht kann der eine oder andere das auch nachvollziehen, wie schön ein “freies” Ohr sein kann.

Ich bin einfach ein starkes Gewohnheitstier und bei Veränderungen sehr vorsichtig. Deswegen fällt mir das nicht so leicht.

Während dieser Entscheidungsfindung habe ich mich im Internet erkundigt, was Gleichgesinnte über ihr zweites CI berichten und welche Kliniken in Frage kommen könnten. Habe mich um ein neues Hörgerät gekümmert, nur um festzustellen, dass da natürlich kaum etwas ankommt auf dem nichtimplantierten Ohr. Von Sprachverständnis fehlt jede Spur. Immerhin ein klein wenig Richtungshören gewonnen und jetzt umso stärker den Wunsch, auch auf der “freien” Seite mehr Input zu erhalten. Habe mich außerdem mit ein paar Personen, die beidseitig versorgt sind, darüber unterhalten. Das alles sehr geholfen, den Gedanken über das zweite CI reifen zu lassen.

Wenn ich nun heute in mich hineinhorche (dazu muss man nicht mal hören können ;)), dann kann ich feststellen:

Ja, ich will ein zweites CI. Ich will sehen, beziehungsweise “hören”, was mit einem zweiten Cochlea-Implantat noch möglich ist.

Nun gilt es, die Klinik anzuhauen und das Ganze ins Rollen zu bringen. Und ich denke, es war irgendwie auch gut, sich hiermit viel Zeit zu lassen. Vielleicht mag manch einer sagen, das hätte ich viel früher machen müssen/können/sollen. Dennoch ist es für mich auch wichtig, das Gefühl zu haben, dafür bereit zu sein. Ein CI bedeutet viel Arbeit und das darf nicht unterschätzt werden!

Es gibt auch ein schönes Zitat, das mich in meiner Entscheidung bestärkt. Leider finde ich den Urheber nicht. Es lautet:

Don’t be afraid of change. You may lose something good, but you may gain something better.