Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Sprich mit mir: Glücksmomente unter Hörenden

1
Nov
19
laurahaertel

An diesem Wochenende bin ich zum ersten Mal nach längerer Zeit mal wieder an der Uni. Anlass ist eine Konferenz, die jedes Jahr von den Studierenden meines Fachs organisiert wird. Dieses Jahr war jedoch der nachfolgende Jahrgang mit der Orga betraut, sodass schon im Vorwege klar war, dass ich kaum jemanden kennen würde. Und vor allem – Die kennen mich noch nicht! Und damit auch meine FM-Anlage nicht… Gefühlsmäßig noch auf der letztes Blogwerkstatt und somit im Schlaraffenland der wunderbaren Kommunikation, hatte ich also ein bisschen Bammel vor diesem Wochenende. Zu meiner Erleichterung werden ich und meine Mikros (Yeah, wir bilden so ne Art unzertrennliche Einheit an der Uni :-D) selbstverständlich in die Gruppe aufgenommen.

In der Mittagspause passiert es dann: Ich sitze mit drei anderen am Esstisch, unterhalte mich vornehmlich mit einen bekannten Kommilitonen und „oute“ mich den anderen gegenüber nicht. Als wir aufbrechen wollen und ich meinen Rucksack unter dem Tisch hervorziehe, fällt einer der „Ich bin taub, sprich mit mir“-Button daran auf. Prompt kommt die Frage, die Hörende dann fast immer stellen: „Kannst du auch Gebärdensprache?“ Mit einen Unterschied zu sonst: Sie wird in Gebärden gestellt! Ich bin erst mal baff. Dann kommen wir schnell ins Gespräch über das Wieso und Woher. Plötzlich sind es die Anderen, Hörenden, die auf einmal daneben stehen und uns nicht folgen können. Mehr im Scherz als ernsthaft meine ich zu meiner Gesprächspartnerin, wir könnten ja am Abend beim Open Space einen Gebärdenkurs anbieten. Wir grinsen uns an. Juhu, eine Verbündete!

Der Nachmittag vergeht und am Abend kommen alle zusammen, um Pläne für den Open Space-Abend zu schmieden. Im Angebot sind unter anderem Improtheater, Tauchabenteuer und weiblicher Orgasmus (fragt lieber nicht…). Das reicht dem Orgateam jedoch noch nicht. Da gebärdet mich meine neue Bekannte aus der Mittagspause an: „Wollen wir?“ Ich grinse und gebärde “Ja”. „Wir machen einen Gebärdensprachkurs. Wer Lust hat…“ Ernsthaft rechne ich nicht mit großen Interesse. Abends um neun nach einen anstrengenden Tag noch Sprachkurs? Und außerdem: Ist das nicht viel „exotisch“? Ich befinde mich unter lauter „Weltrettern“, es soll hier eigentlich vor allem um Nachhaltigkeit gehen. Interessiert die das?

Aber als wir in den Raum kommen, sind ca. 15 Leute da. Mit ersthaften Interesse und voll motiviert. Und wir improvisieren einfach. Erzählen erstmal ein bisschen Allgemeines zu DGS und LBG, zeigen ein Gebärdenmusikvideo und bringen den Teilnehmern das Fingeralphabet bei, sodass bald alle stolz ihren Namen fingern. Aber vor allem kommen wir ins Gespräch: Übers Hören und Nicht-Hören, über das (Uni-)Leben mit Hörschädigung, über die liebe Technik, über das CIs… Ich bin baff, wie viel Interesse, Neugier und Wissen-Wollen mir entgegenschlägt!

An diesem Abend passierte genau das, was auf meinen Rucksack prangt: Ich bin taub, sprich mit mir. Diese Aufforderung zum Gespräch, zum Kennenlernen und Nachfragen wurde hier so begeistert aufgegriffen wie selten.

Danke für den coolen Button! 😀

 

Gefühlswelt auf der Bühne

2
Nov
18
Katja

Improvisation – selbst mit dabei

Zwei Menschen sitzen auf dem Boden, Rücken an Rücken. Sie können sich nicht sehen, nur spüren. „Für einen kurzen Moment Zärtlichkeit.“ „Wo?“ „Am Rücken.“ „Es ist warm.“ Stille im Raum. Beide spüren nach, was sie fühlen. Doch plötzlich: „ Es ist mir zu viel! Ich habe Angst.“ Sie wendet sich von ihrem Gegenüber ab und entfernt sich. Es fällt schwer, den plötzlichen Abstand auszuhalten. Sie sitzen sich gegenüber auf dem Boden und schaffen es nicht, sich in die Augen zu schauen. „Es ist kalt hier.“ Die Hände tasten sich langsam vor und wandern über den Boden auf einander zu – ganz langsam. Es wird wärmer. Die Hände finden zueinander, die Arme berühren sich. „Spürst du es auch?“ „Ja, es wird wärmer!“ Sie umarmen sich und kommen zur Ruhe.

Improvisation – auf der Bühne

Eine Person steht auf der Bühne. Zwei Personen kommen dazu und sprechen sie an. „Deine Haare sind kürzer als meine. Und sie sind heller.“ Die Person bekommt Angst, ist verunsichert und verwirrt. Die zweite Person sagt: „Und dein Haar länger als meins und sie sind dunkler.“
Nein, das ist nicht wahr. Sie versucht sich zu verteidigen. „Aber sie sind heller als ihre.“ Sie zeigt auf die andere Person.
„Du bist anders als wir.“
„Nein.“
Doch und beide zugleich: „Anders!“
„ANdersANDersANDErsANDERs ANDERS!“ Sie wird kleiner. „Nein!“ Die Person sackt zu Boden. Sie kauert sich zusammen. Die anderen beiden umringen sie, zeigen auf sie und werden immer lauter.
Auch ich sacke zusammen, doch dabei stehe ich nur am Rand, nur als Zuschauer. Doch trifft mich diese Szene aus unserem Tanztheater mitten im Herz, das dröhnende ANDERS klingt nach in den Ohren. Und doch bin ich selbst nicht in dieser Situation, ich bin nur ein Zuschauer. Ich sehe etwas, was in mir eingeschlossen war. Das Erlebte wird aus den Untiefen herausgeholt, freigelassen, ohne dass ich selbst es noch einmal erlebe. Ich kann geschützt die Szene betrachten, denn es ist „nur“ ein Schauspiel. Ich kann etwas sehen, ich sehe es auf der Bühne, es ist nicht länger nur ein Gefühl im Bauch. Es wurde in Worte gefasst, dargestellt und ich kann der Vogel sein, der die Situation aus einem sicheren Abstand betrachtet.

„Wir sind gleich, denn wir sind alle anders.“

Rückblick – vor meiner ersten Blogwerkstatt:

Ich besuche eine Familie mit einem kleinen Kind. Wir sitzen zusammen bei Kuchen und Tee. Die Kleine möchte mit mir Memory spielen. Dem Papa  fällt ein, dass die Schwester Geburtstag hat, schnappt sich sein Tablet und schaltet Skype ein. „Hallo! Happy Birthday to you!“ Die Kleine rennt hin und singt mit. Dann fangen sie ein Gespräch an, die Kleine kommt zu mir zurück und wir spielen weiter Memory. Wir lassen uns dabei nicht ablenken. Doch plötzlich klingt ein schallendes Gelächter zu uns und die anderen im Raum lachen mit, nur wir zwei nicht. Ich und die Kleine. Ich denke: Hmm. Jetzt lachen alle und du hast den Witz nicht verstanden… Naja. Doch dann fange ich den Blick der Kleinen auf, sie schaut traurig, sie hat auch nichts verstanden und wendet sich aber dem Spiel wieder zu. Sie hat auch ein CI. Die Mama merkt unseren Gemütszustand und erklärt uns beiden den Witz. In Gedanken habe ich die Kleine umarmt und gleichzeitig habe ich irgendwie auch das Kind in mir getröstet und umarmt. Ja, sie und ich sind nicht allein.

Jetzt weiß ich es nicht nur, sondern habe dieses Gemeinschaftsgefühl wieder einmal mit noch mehr Taubsis erlebt:

„Wir sind gleich, denn wir sind alle anders.“ Wir sind nicht länger allein.

Weiterlesen

Warum die Kaffeepause für mich keine Pause ist

0
Nov
15
fehrhoert

Jeder kennt es: Eine feine Gesprächsrunde bei Kaffee und Jause mit mehreren Menschen in einem Raum. Viele Themen werden in kurzer Zeit abgesprochen: Witze werden erzählt, Pläne fürs Wochenende werden geschmiedet, Erfahrungen und Informationen werden ausgetauscht. Locker wird gefachsimpelt, über Interna geplaudert und auch über Vorurteile philosophiert. Die Stimmung ist heiter und offen, das Gesprächsklima freundlich. Es wird gelacht, geschimpft, diskutiert, argumentiert und auch ein wenig geneckt. Oft ist ein Einzelner am Wort und die anderen hören zu, aber es wird auch durcheinander gesprochen. Soweit so gut und auch harmonisch.

Mitten darunter: Ich. Angestrengt und konzentriert versuche ich der Unterhaltungsrunde zu folgen, was mir nicht durchgehend gelingt. Es ist auch eine Geschichte der Tagesverfassung: Mal höre und verstehe ich Einiges, Mal vieles nicht. Ich möchte nicht dumm und begriffsstutzig wirken und den Gesprächsfluss ständig stören – deswegen Frage ich nicht immer nach, wenn ich was nicht höre. Obwohl ich mich unwohl fühle, versuche ich, zumindest nach außen Selbstbewusstsein auszustrahlen und frage mich ständig, ob mir das auch gelingt.

Ich verstehe viele Wortfetzen aber nicht alle, mein Gehirn ist ständig mit Hören, Lippenabsehen und kombinieren des Wahrgenommenen beschäftigt. Sprecher- und Themenwechsel, Tassen- und Geschirrgeräusche sowie die schlechte akustische Raumausstattung machen mir nach und nach zu schaffen. Einige verdecken auch ihr Mundbild mit Kaffeetassen oder Pausenbroten oder kauen während dem Sprechen, andere wenden mir gar das Profil zu.

Plötzlich wird ein mir geläufiges Thema diskutiert und ein Gesprächspartner in meiner unmittelbarer Nähe ergreift die Initiative. Es ergibt sich für mich kurzfristig eine akustisch sehr angenehme Situation. Ich überlege: Soll ich mich nun auch an der Diskussion beteiligen oder nicht? Soll ich meine Meinung kundtun oder ruhig sein? Doch was ist, wenn ich nicht alles gehört habe und was „falsches“ sage? Das wäre peinlich und ich stehe wieder mal als „dumm“ da. Noch während ich darüber nachdenke, ergreift die Person mir gegenüber das Wort und wechselt das Thema. Chance vertan.

Ich höre weiter angestrengt zu und das Gespräch plätschert dahin. Ich kann nicht allen Teilnehmern folgen und fühle mich zunehmen unsicherer. Deswegen halte ich mich auch überwiegen aus der Diskussion heraus. Um nicht völlig unbeteiligt zu sein und komisch angeglotzt zu werden, nicke ich manchmal bejahend oder schüttle den Kopf bzw. lache, wenn andere es tun.

Plötzlich herrscht Stille in der Diskussionsrunde. Panik macht sich in mir breit. Hat mich wer angesprochen, ohne dass ich es bemerkt habe? Ich schaue unauffällig nach links und nach rechts. Doch aus der Mimik der Menschen in der Diskussionsrunde kann ich erkennen, dass mich niemand was gefragt hat. Ich bin erleichtert. Zu oft habe ich mich schon geschämt, weil ich nicht bemerkt hatte, dass ich angesprochen wurde. Zu oft wurde ich deswegen schon ausgelacht.

Doch die Stille hält an. Die Runde sucht offenbar nach einem Gesprächsthema. Da ich mich bisher noch kaum an der Unterhaltung beteiligt habe, verspüre ich zunehmend den Druck, etwas sagen zu müssen. Schnell denke ich durch, welches Thema wohl passen würde: Wo bin ich thementechnisch und argumentativ so sicher, dass ich nicht alles zwingend verstehen muss und auf etwaige Fragen gut reagieren kann? Ich entscheide mich dafür, eine Person welche zufällig auch in meiner Nähe sitzt, nach den Baufortschritt seiner Wohnung zu befragen – das ist taktisch deswegen klug, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Frage beantworten muss, ist eher gering. Darüber hinaus erzählen Menschen gerne von sich und was sie beschäftigt. Nebenbei muss ich nicht zwingend alles verstehen was gesagt wird, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ein Privatbauvorhaben so abläuft.

Die von mir befragte Person erzählt und erzählt und es folgt eine hitzige Diskussion über die hohen Mietpreise in Tirol und die Kosten für Wohnungseigentum im Allgemeinen. Es wird kurz über Rechtliches, wie z.B. die höchst zulässige Baudichte oder Bebauungspläne gefachsimpelt. Am Ende wird noch die Wohnbauförderung besprochen. Über all dies hätte ich viel zu sagen. Ich kenne mich durch meine vorherige Arbeit mit Bebauungsplänen und auch mit den Vorrausetzungen der Wohnbauförderung aus. Trotzdem bleibe ich still.

Gerne würde ich auch mein Wissen preisgeben oder was Witziges sagen. Gerne würde ich auch zeigen, dass ich nicht „dumm“ und durchaus gesprächig und argumentativ sicher bin. Doch die Angst, was nicht zu verstehen und ins Fettnäpfchen zu treten, wie schon viele Male vorher in meinem Leben, ist größer als der Wunsch, sich in der Runde gesprächstechnisch zu profilieren.

Daher bin ich froh, wenn die Kaffee-Runde sich endlich auflöst. Das angestrengte Zuhören hat mich müde gemacht, meine Kaffeetasse ist auch schon leer und ich spüre wie meine Konzentrationsfähigkeit sehr nachlässt. Der Gedanke an das Kundengespräch unmittelbar nach dieser „Pause“ lässt mich schaudern, doch ich werde es schon irgendwie schaffen.

Ich halte noch einige Minuten durch, eine Kollegin meinte zum Abschied: “Morgen wieder zur selben Zeit am selben Ort? Ich nehme Kuchen mit!“ Alle nicken begeistert und auch ich tue es. Let’s try again…

Orginallink zu diesem Blogeintrag:
http://www.fehrhoert.com/index.php/blog/67-warum-die-kaffeepause-fuer-mich-keine-pause-ist

Mehr von mir gibt es unter meinem Blog:
www.fehrhoert.com

Auch auf facebook zu finden:
https://www.facebook.com/fehrhoert/

Knotenlöser

1
Nov
5
Katja

Emotionen mit dem Körper erleben und sichtbar werden lassen. Tanztheater. Singen, auch wenn wir glauben, nicht singen zu können. Theatertanz. Die Macht der Stimmen ziehen mit, lassen Gänsehaut die Arme hochwandern. Tanztheater. Alle tanzen gemeinsam, alle schauen in den Spiegel. Theatertanz. Und doch ist auch Zeit, für sich alleine. Bewegung fließen lassen, hören wie ich atme, völlig frei ohne Blockaden und ohne sich komisch zu fühlen, jeder ganz bei sich selbst und dann fällt es mir leichter. Tanz.

Nicht nachdenken, welche Bewegung ich als nächstes mache, sondern einfach dem Körper freien Lauf lassen. Und plötzlich traue ich mich, plötzlich entweicht meinen Lippen ein Ton und ja, ich höre mich selbst. Wir hören uns selbst. Ich schaue den anderen an, fange Bewegungen von ihm auf, überwinde mich, lasse mich auf ihn ein. Ein ganz feines Beobachten, um jede Chance zu ergreifen. Kein Suchen nach Chancen, sondern ein Wahrnehmen von ihnen. Es fühlt sich gut an und auf einmal bin ich überrascht. Da, da kommt die nächste Bewegung, sie bahnt sich an. Ausprobieren, es gucken alle…

… und doch schaut keiner, denn ich bin bei mir.

Ein Vertrauen schwebt in der Luft, wir sind getragen und geborgen. Gegenseitiger Respekt stärkt uns und lässt uns wachsen.

Hier eine Ecke des Tanzraumes, die entdeckt werden will, dort ein ganzer Raum, wir ziehen Kreise, laufen Schulter an Schulter, berühren uns, kommen uns näher, da entsteht etwas, da bewegt sich etwas, da rührt sich was. Und das nicht nur einmal im Raum, nein, die Begegnungen entstehen immer wieder neu und immer wieder mit anderen Menschen aus der Gruppe. Ein Blick wird aufgefangen, die Augen sagen Ja, die Körper nähern sich, steigen übereinander, Rücken an Rücken, ist der Boden oben oder unten? Ja, ich vertraue.

… und doch schaut keiner, denn ich bin bei mir.

Man verliert das Gefühl für Raum und Zeit. Ich bin ich. Im Hier und jetzt. Eine Atmosphäre, in der man sich traut zu sein, in der alle sind und ich bin. Wo ich mich in dem Moment verliere, wo ich mich meinen Ängsten stelle und mich konfrontiere. Ein Trommeln der Hände macht die Musik. Die eine Hälfte gibt den Rhythmus vor, wir lauschen, folgen und vertrauen Gruppe. Niemand weißt was in fünf Minuten sein wird, einfach treiben lassen und das aktiv, nicht das Ergebnis zählt, sondern das Gefühl und die Momente, die dabei entstehen.

Fokus gibt Intensität.

Pausen zum richtigen Zeitpunkt verändern den Klang. Sätze in Sprechchören erfüllen den Raum, Bewegungen unterstreichen das Gesagte, lassen es authentisch wirken. Die Stimmen tragen und stärken und plötzlich ist da Gänsehaut.

Aus einem Satz, der auf Papier steht, wird ein gesprochenes Wort, aus dem Wort ein Satz, aus dem Satz eine Betonung, aus der Betonung eine Bedeutung und plötzlich ist er da. Da Satz mit Leben gefüllt, nicht länger nur schwarze Tinte, sondern ein Klang mit Gefühl. Deine Welt, dein Zugang zum Gegenüber. Ein Aktionsraum nimmt Form an, er wird lebendig und füllt die Erinnerung.

Das DU gehört zum WIR!

 

Wo ist der rote Faden?

4
Nov
3
madeleine

Jeder von uns hat mit Sicherheit in Gesprächen oder Vorträgen schon einmal den “Faden verloren”, oder?

Doch hatte ich ihn überhaupt schon gefunden ? 

Diese Frage nahm ich aus Kassel, der 5. Blogwerkstatt mit nach Hause. Seit ich im August 2016 bei der 3. Blogwerkstatt, das erste Mal auf andere Hörgeschädigte in meinem Alter traf, versuche ich das Erlebte in Worte zu fassen, was mir bisher nicht wirklich gelang – zu intensiv waren und sind die Gefühle dabei. Zu Hause lebe ich in einem komplett “guthörenden” Umfeld. Natürlich bringen meine Freunde und die Familie Geduld und Verständnis für mich auf, dennoch fühle ich mich oft nicht wirklich verstanden.

“Gut gemeinte Ratschläge”

Ich müsse “einfach mehr üben”, “mein Hörgerät lauter stellen” oder mal wieder zur CI Einstellung gehen. Solche und ähnliche Aussagen beantworte ich zwar meistens mit einem Lächeln, empfinde sie aber häufig trotzdem als verletzend. Dem entsprechend ruhig und zurückhaltend war ich als ich damals in Diez (#BW3) ankam. Zu schlecht waren meine Erfahrungen in fremden Gruppen. Doch das änderte sich schnell. Jeder wurde herzlich aufgenommen, begrüßt und umarmt. Ein Umfeld in dem man sich auf Anhieb wohl fühlte.

Die 5 Tage vergingen wie im Flug. Zu Hause angekommen war ich noch tagelang überwältigt von den vielen Eindrücken und Emotionen der vergangenen Tage. Doch eines war bereits klar: “Ich komme wieder”.

Blogwerkstatt 4 – Spaß im Schnee 

Als Ski-Anfänger stellte ich mich der Herausforderung in St. Jakob, Osttirol (#BW4). 230 Tage warten hatte nun endlich ein Ende. Schnell war es wieder da, dieses Blogwerkstatt-Feeling”, das ich nicht wirklich beschreiben kann, aber so vermisst hatte. Eine Woche verbrachten wir gemeinsam in Österreich und wieder zeigte sich, was für eine tolle Gemeinschaft wir sind. Denn egal ob Anfänger oder Profi, jeder half jedem und der Spaß stand im Vordergrund. Selbstverständlich, dass ich nach all diesen Erlebnissen auch in Kassel bei der #BW5 wieder dabei sein wollte.

Diesesmal ging es beim Tanztheater sehr ruhig und gefühlvoll zu. Als Hörgeschädigter mit der eigenen Stimme zu arbeiten, ist mir und anderen anfangs sicherlich nicht leicht gefallen. Doch auch hier zeigte sich die Stärke in der Gruppe. Zusammen erzeugten wir einen fantastischen Klangteppich, der Gänsehaut entstehen ließ.

Der Weg ist das Ziel..

Es scheint, dass ich den roten Faden wohl gefunden habe – in der Gemeinschaft und im Kontakt unter Gleichgesinnten.

WIR sind der rote Faden !!

#wirsindallegleich #Focus #Gegensätze #roterFaden #ichdankeeuchallen #dcig #deafohralive

Alle Wege führen nach Kassel #BW5

4
Nov
2
Norma
Wege nach Kassel

“Wir sind gleich, denn wir sind alle anders.”

Dieses Zitat ist aus dem Theaterstück, das wir im Rahmen der fünften Blogwerkstatt selber entwickelt haben. Es trifft die Stimmung innerhalb unserer Gruppe sehr gut. Denn wir sind alle hörgeschädigt und in der normalhörenden Welt werden wir nun mal „anders“ wahrgenommen oder fühlen uns selber „anders“.

Dies hier ist mein persönlicher Eindruck zur fünften Blogwerkstatt, meine erste und sicher nicht letzte! Ich war sehr überwältigt von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Schon bei der Ankunft fühlte man sich sehr herzlich aufgenommen und auch an den Folgetagen wurde sehr deutlich, wie wunderbar die Gruppe funktionierte. Es war kein T.e.a.m. („Toll, ein anderer macht’s!“), sondern tatsächlich ein TEAM.

Unter Normalhörenden bin ich immer diejenige, die etwas mehr Rücksicht braucht und viel aufmerksamer sein muss als andere. Ich fühle mich oft nicht richtig verstanden („Cool, du kannst also dein Gehör einfach abstellen, wenn du willst!“ – ja, aber zu was für einem Preis??) und Nichtgehörtes wird schnell abgewunken („Ach, ist nicht so wichtig!“). Jeder mit Hörschädigung kennt solche Situationen.

Umso schöner war es dann in Kassel, wo ich eine von vielen war.

  • Jeder weiß, was Hörschädigung tatsächlich bedeutet.
  • Keiner wird ausgelacht, weil er bedingt durch die Hörschädigung einen gewissen Dialekt hat oder aus dem Rahmen tanzt, weil etwas nicht gehört wurde.
  • Nichtverstandenes wird geduldig wiederholt, bis es angekommen ist. Egal, wie oft.
  • Hilfsmittel wie Gebärden und Fingeralphabet sind selbstverständlich.
  • Blickkontakt sowieso.

Es gab auch kleine Situationen, die mir sehr gefallen haben. Zum Beispiel, wenn zwei Hörgeschädigte mitten auf der Straße laufen und vertieft in ihrer Unterhaltung das von hinten kommende Auto erst spät bemerken. Sonst sind es ja die guthörenden Freunde, die einen frühzeitig zur Seite ziehen. 🙂

Schön ist auch, dass keiner sich vor Körperkontakt zu scheuen schien. Ich habe oft das Gefühl, dass gerade hörgeschädigte Menschen gerne andere berühren, etwa um Aufmerksamkeit zu erhalten oder ihr Mitgefühl zu zeigen. Sonst kenne ich das nur von guten Freunden oder Familie. Daher entstand auch sehr schnell eine familiäre Atmosphäre in der Gruppe.

Besonders ist auch: Niemand wird außen vorgelassen. Denn alle kennen das Gefühl, ausgeschlossen zu werden. Es ist jedem in der normalhörenden Gesellschaft mal passiert und innerhalb der Blogwerkstatt wurde eben jenes verhindert. Jeder war mittendrin statt nur dabei!

In den fünf Tagen, die wir gemeinsam in Kassel verbrachten, fühlte ich mich ungewohnt wohl und gut aufgehoben, das kenne ich von sonst nirgendwo so. Innerhalb der kurzen Zeit hatte ich dann plötzlich gefühlt 39 neue Freunde! Bestimmt ging es anderen auch so. 🙂

Bewundernswert, zumal jeder aus unterschiedlichsten Ecken in Deutschland (und Österreich) kam. Es haben also tatsächlich alle Wege nach Kassel geführt.