Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Alle Wege führen nach Kassel #BW5

4
Nov
2
Norma
Wege nach Kassel

“Wir sind gleich, denn wir sind alle anders.”

Dieses Zitat ist aus dem Theaterstück, das wir im Rahmen der fünften Blogwerkstatt selber entwickelt haben. Es trifft die Stimmung innerhalb unserer Gruppe sehr gut. Denn wir sind alle hörgeschädigt und in der normalhörenden Welt werden wir nun mal „anders“ wahrgenommen oder fühlen uns selber „anders“.

Dies hier ist mein persönlicher Eindruck zur fünften Blogwerkstatt, meine erste und sicher nicht letzte! Ich war sehr überwältigt von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Schon bei der Ankunft fühlte man sich sehr herzlich aufgenommen und auch an den Folgetagen wurde sehr deutlich, wie wunderbar die Gruppe funktionierte. Es war kein T.e.a.m. („Toll, ein anderer macht’s!“), sondern tatsächlich ein TEAM.

Unter Normalhörenden bin ich immer diejenige, die etwas mehr Rücksicht braucht und viel aufmerksamer sein muss als andere. Ich fühle mich oft nicht richtig verstanden („Cool, du kannst also dein Gehör einfach abstellen, wenn du willst!“ – ja, aber zu was für einem Preis??) und Nichtgehörtes wird schnell abgewunken („Ach, ist nicht so wichtig!“). Jeder mit Hörschädigung kennt solche Situationen.

Umso schöner war es dann in Kassel, wo ich eine von vielen war.

  • Jeder weiß, was Hörschädigung tatsächlich bedeutet.
  • Keiner wird ausgelacht, weil er bedingt durch die Hörschädigung einen gewissen Dialekt hat oder aus dem Rahmen tanzt, weil etwas nicht gehört wurde.
  • Nichtverstandenes wird geduldig wiederholt, bis es angekommen ist. Egal, wie oft.
  • Hilfsmittel wie Gebärden und Fingeralphabet sind selbstverständlich.
  • Blickkontakt sowieso.

Es gab auch kleine Situationen, die mir sehr gefallen haben. Zum Beispiel, wenn zwei Hörgeschädigte mitten auf der Straße laufen und vertieft in ihrer Unterhaltung das von hinten kommende Auto erst spät bemerken. Sonst sind es ja die guthörenden Freunde, die einen frühzeitig zur Seite ziehen. 🙂

Schön ist auch, dass keiner sich vor Körperkontakt zu scheuen schien. Ich habe oft das Gefühl, dass gerade hörgeschädigte Menschen gerne andere berühren, etwa um Aufmerksamkeit zu erhalten oder ihr Mitgefühl zu zeigen. Sonst kenne ich das nur von guten Freunden oder Familie. Daher entstand auch sehr schnell eine familiäre Atmosphäre in der Gruppe.

Besonders ist auch: Niemand wird außen vorgelassen. Denn alle kennen das Gefühl, ausgeschlossen zu werden. Es ist jedem in der normalhörenden Gesellschaft mal passiert und innerhalb der Blogwerkstatt wurde eben jenes verhindert. Jeder war mittendrin statt nur dabei!

In den fünf Tagen, die wir gemeinsam in Kassel verbrachten, fühlte ich mich ungewohnt wohl und gut aufgehoben, das kenne ich von sonst nirgendwo so. Innerhalb der kurzen Zeit hatte ich dann plötzlich gefühlt 39 neue Freunde! Bestimmt ging es anderen auch so. 🙂

Bewundernswert, zumal jeder aus unterschiedlichsten Ecken in Deutschland (und Österreich) kam. Es haben also tatsächlich alle Wege nach Kassel geführt.

schaut auch mal in meinem Blog vorbei: https://sweetcyborg.wordpress.com/
4 Antworten
  1. Katja | Redakteur sagte am 7. November 2017

    “Jeder weißt was Hörschädigung tatsächlich bedeutet” – Mal für eine Weile das Gefühl haben, sich bzw. einen Teil von sich nicht erklären zu brauchen – Erholung 🙂

  2. Oliver | Redakteur sagte am 3. November 2017

    D A N K E – denn DU gehörst zum WIR!

  3. Pia | Redakteur sagte am 3. November 2017

    WOW – Der Artikel kommt ja schnell! Toll geschrieben und Danke für Deinen Einblick!

  4. Stefanie | Redakteur sagte am 2. November 2017

    Du bringst es auf den Punkt! Toll geschrieben 🙂

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