Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

unzuverlässige Technik

1
Sep
10
andreasdaniel

Es ist normalerweise so, dass ich gerne anderen Mitmenschen helfe, soweit es mir möglich ist. Insbesondere wenn es um technische Dinge geht. Manchmal verzichte ich auf das Auto und fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit. Am Dienstag Morgen war es wieder so weit und ich wollte mit dem Rad in den Zug um 07:24 Uhr einsteigen. Da es am Bahnhof eine Treppe gibt und ich noch etwas Zeit hatte, beschloss ich in den Aufzug zu steigen. Warum das im Nachhinein keine so gute Idee war, erklärt sich gleich: Einen Meter unterhalb der Bahnsteigkante bleibt der Glaskasten mitsamt Inhalt (Rad + ich) stehen.
Also drücke ich nochmals auf den Aufzugsknopf nach oben und ja das Gefängnis bewegt sich glücklicherweise weiter. Allerdings ein paar Zentimeter in die falsche Richtung (nach unten)… Und nun stellen sich natürlich alle Tasten tot.
Was soll ich jetzt machen ? Den Notruf im Aufzug aktivieren? Mit dem Wissen, dass ich dann nicht viel vom Gekrächze verstehen werde? Also doch angerufen… aus dem Lautsprecher kommen wie befürchtet nur seltsame knarzende knackende Töne , bis ich gefühlte Sekunden später eine Frauenstimme wahrnehme: “Hallo … *knirsch* … Zentrale … *knack* … wie kann ich …helfen …” Ich habe kurz meinen Status durchgegeben, dass der Aufzug nicht mehr fährt und ich nicht hinaus kann und, natürlich, dass ich schwerhörig bin ! ” *knarz * …. *klack * … Danke… *Rauschen* .. .Zentrale.. Weiter..” Ich: “Können sie bitte wiederholen? Ich habe nichts verstanden!  ” – daraufhin kam noch weniger Sinnvolles, weswegen ich antwortete: “Tut mir leid – der Lautsprecher hier ist eine Katastrophe!” Nach weiterem Knarzen und Scheppern hat die Dame zu meiner Überraschung einfach aufgelegt!

Ich stand dann kopfschüttelnd und verwirrt da, mit der Vermutung, dass sie meine Geschichte für einen albernen Scherz gehalten hat. Und ich konnte nicht mal sagen wo ich eingesperrt bin und ob überhaupt jemand unterwegs sein wird. Zum Glück stand im Aufzug oben noch eine Notrufnummer, die ich meinem Vater mitgeteilt habe. Per Whatsapp hat
er mich auf dem laufenden Stand gehalten und dass jemand unterwegs sei!

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Im Aufzug

Also hieß es erst mal warten.. Wenn der nächste Zug käme, kann ich vielleicht ein paar Passanten auf mich aufmerksam machen. Und ja, da kommen einige und ich habe geklopft. Aber kein Mensch hat reagiert!
Anscheinend schluckt das doppelte Sicherheitsglas sämtliche Geräusche von der Außenwelt! Wenn jemand zufällig mein Winken gesehen hat, dann habe ich versucht ihn/sie mit Einsatz von Händen und Fingerzeigen zu verdeutlichen, sie sollen doch bitte probieren ob die Aufzugstasten draußen noch funktionieren. Verbale Kommunikation war ja auch nicht möglich… Gebärdensprache zu beherrschen wäre hier toll gewesen!

Weil ich jetzt also doch auf den Techniker warten muss , kann ich die Zeit ja sinnvoll nutzen und mein mitgebrachtes Frühstück bei der wunderschönen Aussicht vertilgen. Mittlerweile ist schon die dritte S-Bahn ohne mich abgefahren…
Als der Techniker endlich kam, hat er zuerst versucht die Türen zu öffnen. Die äußere Tür ließ sich öffnen, im Gegensatz zur inneren Tür… Also stieg er auf das Dach über mir. Dabei hat der Aufzug kurze ruckartige Bewegungen gemacht! Da wurde einem schon komisch…
Nach 5 Minuten war ich endlich frei, das Fahrrad konnte ich auch über die Stufe tragen. Insgesamt war ich etwa 50 Minuten eingesperrt. Zu dieser Zeit kam auch die Feuerwehr – Anscheinend wurde sie erst alarmiert als der Techniker schon da war… Als ich den Bahnhof später verlassen habe, kam übrigens noch ein Krankenwagen. Sehr rührend.

Ich habe den Techniker des Aufzugherstellers übrigens darauf aufmerksam gemacht, dass wegen der fehlenden Lüftungsschlitze keine Kommunikation möglich ist und es gerade in der Mittagssonne hinter dem Glas unerträglich heiß werden würde – Süffisante Antwort: “Es ist nicht vorgesehen dass man länger im Aufzug bleibt .”

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wahre Worte

Im Aufzug war übrigens ein Aufkleber mit den Worten: “Bitte helfen Sie mit, dass dieser Aufzug immer funktioniert.” – ist das jetzt wirklich ernst gemeint?

In London haben Aufzüge übrigens Induktionsschleifen…