Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

ICH gehör zum WIR: Warum die Junge Selbsthilfe keine Eventagentur ist

3
Okt
8
laurahaertel

Ich geb´s ja zu: ich wollte einfach nur Skifahren. Die junge Selbsthilfe der DCIG bot eine „Blogwerkstatt im Schnee“ an, ich dachte mir „Skifahren – super und mit anderen Schwerhörigen ist es ja auch ein bisschen entspannter als unter Hörenden und was die da sonst noch so von Workshops labern… auch, da musst du dann halt auch durch.“ Ich hatte ja keine Ahnung!

Was ich bei der Blogwerkstatt erfahren habe, übertraf nicht nur meine Erwartungen, sondern auch meine Vorstellungskraft. Meine Erfahrungen mit Gruppen waren nie die besten gewesen. Zu groß die Anstrengungen unter lauter Hörenden, zu groß und andauernd der Kampf, nicht nur akzeptiert, sondern selbstverständlich Teil der Gruppe zu sein. Unter anderen Schwerhörigen ist das natürlich besser. Aber auf der Blogwerkstatt habe ich ein ganz neues Gruppengefühl kennengelernt, das von Vertrauen, bedingungsloser Akzeptanz, Wohlwollen und echten Interesse am Anderen geprägt ist. Man kann es eigentlich nicht beschreiben, man muss es erlebt haben.

Kurz bevor ich das erste Mal nach St. Jakob fuhr, erschien die Ankündigung für die folgende Blogwerkstatt: Tanztheater in Kassel. Ich dachte mir „Soweit kommt es noch. Okay, fährst du jetzt mal mit zum Skifahren. Aber Tanztheater – nie im Leben!“ Kaum war ich wieder zu Hause, füllte ich das Anmeldeformular für Kassel aus. Denn inzwischen weiß ich: Es ist nicht wichtig, was wir machen. Wichtig ist, wie wir es machen. Das offizielle Programm, das tatsächlich oft wie eine einzige Party, oft aber auch nach harter Arbeit aussieht und beides auch ist, ist das eine. Aber das andere ist der inoffizielle Part, das „Drumherum“ – hier findet unheimlich viel statt. Die vielen intensiven Gespräche, der Erfahrungsaustausch, aber auch einfach die Art und Weise, miteinander umzugehen sowie das Gefühl, selbstverständlich dazuzugehören. Zusammen können wir über uns hinauswachsen und Dinge tun, die ich mich alleine nie getraut hätte: Im Bikini die Skipiste runterfahren oder auf der Alm vor aller Leute Augen Linedance tanzen, oder auf der Wiese im Park mitten in Berlin tanzen und dabei von außen betrachtet vermutlich ein bisschen wie bekiffte Hippies aussehen – all das ist nicht nur möglich, sondern fühlt sich auch noch verdammt gut an.

Jetzt sitze ich im Zug zurück nach Hause. Es fühlt sich komisch an, irgendwie leer und alleine, aber gelichzeitig emotional komplett erfüllt von der Zeit in Berlin. Die meisten von uns sind jetzt auf dem Weg zurück in die „hörende Welt“. Aber auch in dieser Welt spielt die Blogwerkstatt inzwischen eine sehr wichtige Rolle. Sie ist wie eine Kur, eine Kraftquelle, die ich von Zeit zu Zeit einfach brauche, um weitermachen zu können.

Ja, die Blogwerkstatt ist jedes Mal ein riesiges Event. Aber sie ist viel mehr als das. Wir können zwischen Workshops, intensiver Gruppenarbeit, Sport, tiefsinnigen Gesprächen (für die andere Leute einen teuren Psychologen bezahlen) und rauschenden Partys hin- und herwechseln, und das oft übergangslos. Zusammen mit dem einmaligen WIR-Gefühl entsteht so das Blogwerkstattfeeling – und das ist reine Selbsthilfe.

 

Sprich mit mir: Glücksmomente unter Hörenden

1
Nov
19
laurahaertel

An diesem Wochenende bin ich zum ersten Mal nach längerer Zeit mal wieder an der Uni. Anlass ist eine Konferenz, die jedes Jahr von den Studierenden meines Fachs organisiert wird. Dieses Jahr war jedoch der nachfolgende Jahrgang mit der Orga betraut, sodass schon im Vorwege klar war, dass ich kaum jemanden kennen würde. Und vor allem – Die kennen mich noch nicht! Und damit auch meine FM-Anlage nicht… Gefühlsmäßig noch auf der letztes Blogwerkstatt und somit im Schlaraffenland der wunderbaren Kommunikation, hatte ich also ein bisschen Bammel vor diesem Wochenende. Zu meiner Erleichterung werden ich und meine Mikros (Yeah, wir bilden so ne Art unzertrennliche Einheit an der Uni :-D) selbstverständlich in die Gruppe aufgenommen.

In der Mittagspause passiert es dann: Ich sitze mit drei anderen am Esstisch, unterhalte mich vornehmlich mit einen bekannten Kommilitonen und „oute“ mich den anderen gegenüber nicht. Als wir aufbrechen wollen und ich meinen Rucksack unter dem Tisch hervorziehe, fällt einer der „Ich bin taub, sprich mit mir“-Button daran auf. Prompt kommt die Frage, die Hörende dann fast immer stellen: „Kannst du auch Gebärdensprache?“ Mit einen Unterschied zu sonst: Sie wird in Gebärden gestellt! Ich bin erst mal baff. Dann kommen wir schnell ins Gespräch über das Wieso und Woher. Plötzlich sind es die Anderen, Hörenden, die auf einmal daneben stehen und uns nicht folgen können. Mehr im Scherz als ernsthaft meine ich zu meiner Gesprächspartnerin, wir könnten ja am Abend beim Open Space einen Gebärdenkurs anbieten. Wir grinsen uns an. Juhu, eine Verbündete!

Der Nachmittag vergeht und am Abend kommen alle zusammen, um Pläne für den Open Space-Abend zu schmieden. Im Angebot sind unter anderem Improtheater, Tauchabenteuer und weiblicher Orgasmus (fragt lieber nicht…). Das reicht dem Orgateam jedoch noch nicht. Da gebärdet mich meine neue Bekannte aus der Mittagspause an: „Wollen wir?“ Ich grinse und gebärde “Ja”. „Wir machen einen Gebärdensprachkurs. Wer Lust hat…“ Ernsthaft rechne ich nicht mit großen Interesse. Abends um neun nach einen anstrengenden Tag noch Sprachkurs? Und außerdem: Ist das nicht viel „exotisch“? Ich befinde mich unter lauter „Weltrettern“, es soll hier eigentlich vor allem um Nachhaltigkeit gehen. Interessiert die das?

Aber als wir in den Raum kommen, sind ca. 15 Leute da. Mit ersthaften Interesse und voll motiviert. Und wir improvisieren einfach. Erzählen erstmal ein bisschen Allgemeines zu DGS und LBG, zeigen ein Gebärdenmusikvideo und bringen den Teilnehmern das Fingeralphabet bei, sodass bald alle stolz ihren Namen fingern. Aber vor allem kommen wir ins Gespräch: Übers Hören und Nicht-Hören, über das (Uni-)Leben mit Hörschädigung, über die liebe Technik, über das CIs… Ich bin baff, wie viel Interesse, Neugier und Wissen-Wollen mir entgegenschlägt!

An diesem Abend passierte genau das, was auf meinen Rucksack prangt: Ich bin taub, sprich mit mir. Diese Aufforderung zum Gespräch, zum Kennenlernen und Nachfragen wurde hier so begeistert aufgegriffen wie selten.

Danke für den coolen Button! 😀