Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Perspektivwechsel

4
Jan
22
natalie

Auf der Suche nach Interviewpartnern für meine Masterarbeit, die ich zu dem Thema junge CI- Selbsthilfe schreibe, hatte ich die Idee Oliver Hupka zu fragen, ob er für ein Interview bereit wäre. Oliver antwortete prompt und lud mich zur zweiten Blogwerkstatt nach Heidelberg ein, zu der 25 junge Schwerhörige aus ganz Deutschland kamen. Ich zögerte nicht lange und sagte zu, im Nachhinein die beste Entscheidung. Denn neben einem super Programm, überzeugten mich besonders die Offenheit und der Teamgeist der Teilnehmer. Ich war dankbar, dass ich als „Guthörende“ so gut in die Gruppe integriert wurde. Mir wurde immer viel Geduld und Verständnis entgegengebracht z.B. wenn ich vergaß, dass es ungünstig ist einen CI-Träger von hinten anzusprechen. Durch den Kontakt wurde mir auch der Stellenwert, der Gebärdensprache vor Augen geführt und ich nahm mir vor meine DGS-Kenntnisse zu vertiefen.

Die Teilnehmer waren unglaublich hilfsbereit und erklärten sich gleich bereit, mit mir ein einstündiges (manchmal auch etwas längeres) Interview in einem Café zu führen. Das ist wirklich nicht selbstverständlich!!! Neben der Blogwerkstatt II von der DCIG, besuchte ich auch noch den Stammtisch des DSB in Köln und in Dresden sowie den Neujahrsbrunch der BBCIG in Berlin. Auch dort erlebte ich erneut ein unfassbares Engagement der Mitglieder der Selbsthilfe, so dass ich nachher mehr junge Erwachsene CI-Träger interviewte als ich anfangs geplant hatte.

Durch die Interviews nahm ich auf einmal auch viele Dinge bewusster wahr. Mir war vorher nie aufgefallen, dass in fast jedem Café Hintergrundmusik läuft (wie das bei Frauen so ist, die beim Quatschen mit ihren besten Freundinnen so einiges um sich herum ausblenden). Jetzt war ich aber in einer anderen Situation. Ich musste zum einen zur besseren Verständigung mit meinen Gesprächspartnern darauf achten, dass es relativ ruhig im Café war und zum anderen war es auch für die Aufnahme mit dem Handy entscheidend Hintergrundgeräusche zu minimieren, um das spätere Aufschreiben des Interviews nicht unnötig zu erschweren. Bei der Übertragung des Gesagten, konnte ich das erste Mal annähernd nachempfinden, was es bedeuten muss eine Hörschädigung zu haben, je nach Aufnahmequalität, Sprechtempo und Aussprache des Interviewten, dauerte das wortwörtliche Niederschreiben unglaublich lange. Insbesondere das Aufschreiben der ersten Minuten der Unterhaltung, war am zeitintensivsten und es wurde immer leichter je mehr ich mich eingehört hatte. Ich war plötzlich dankbar für jeden Gesprächspartner, der langsam sprach und bei dem ich gut mitschreiben konnte. Teilweise regte ich mich aber auch sehr auf, wenn ich mir eine Stelle zum x-ten Mal anhörte, weil im Hintergrund der Kaffeeautomat plötzlich lautstark ertönte und ich das Gesagte von meinem Gesprächspartner, trotz maximaler Handylautstärke, nur aus dem Kontext erraten konnte. Hierbei erlebte ich, erstmalig wie anstrengend Zuhören sein kann und wie viel Konzentration es erfordert. Für diese Selbsterfahrung und die Begegnung mit so vielen interessanten Persönlichkeiten und Lebensgeschichten, bin ich wirklich sehr dankbar und es hat mir einen großen Motivationsschub fürs Schreiben der Masterarbeit gegeben.

Vielen Dank!