Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Familientreffen der besonderen Art #BW6

0
Mrz
26
Norma

Bald ist Ostern. Ostern ist ein Familienfest, so wie Weihnachten und Geburtstage. Die ganze Familie kommt zusammen und feiert. Oder auch nur ein Teil.

Dann gibt es da noch die Blogwerkstatt. Jede Blogwerkstatt ist ein Familientreffen auf einem ganz anderen Level. Zahlreiche junge Erwachsene mit Hörschädigung begegnen sich und sofort ist das familiäre Gefühl da! Das Vertrauen füreinander, keine Scheu vor Nähe!

Die Blogwerkstatt VI fand erneut in St. Jakob in Defereggen statt. Auf dem Tagesprogramm standen Skifahren und anschließend Workshops rund um Öffentlichkeitsarbeit. Trotz straffem Tagesablauf und teilweise wenig Schlaf (zumindest für die, die bis in die späten Stunden schnackten und spielten) strotzten wir immer vor Energie – sowohl auf der Piste als auch in der Arbeitsgruppe.

Wie schon zuvor in Kassel und Frankfurt erlebte ich ein großartiges Gefühl in der Gemeinschaft. Wir helfen einander. Wir vertrauen einander. Wir machen einander stark. Zusammen sind wir einfach unschlagbar! Nirgendwo sonst habe ich so viele Umarmungen in so kurzer Zeit erhalten – besonders nicht mit Leuten, die ich erst seit ein paar Stunden oder Tage kenne! Diese Art von Nähe ist nicht selbstverständlich, aber hier gibt es sie.

Was war noch?

Wetter war klasse! Nur anfangs gab es Nebel auf den höher gelegenen Pisten, ansonsten viel Sonnenschein, wie es sich gehört.

Statt Après-Ski gab es teilweise leckere Heißgetränke oder auch kühle Drinks im Café zwischen Herberge und Seminarraum. Man wollte ja wachbleiben für die Workshops.

Uuuund es wird noch ganz tolle Produkte geben, wie etwa ein ganz besonderes Drohnen-Video… mehr verrate ich hier nicht! ;P

Ach ja, die traditionelle Nacktabfahrt durfte natürlich auch nicht fehlen! 😉

Das schönste Geschenk am Ende dieser Familienfeier war die Nachricht: Wir kehren 2019 zurück nach St. Jakob!

Hinter den Ohren unter die Haut!

2
Feb
22
Norma

Eine kleine Berichterstattung für all jene, die nicht beim Fotoworkshop dabei waren, aber gerne etwas darüber erfahren möchten.

Am Freitag, 16. Februar 2018, sind wir nachmittags alle nach und nach im Hotel in Frankfurt eingetrudelt, haben eingecheckt und die Koffer aufs Zimmer gebracht, bevor es zum Seminarraum ging. Hier wurden wir von Oliver begrüßt und über den weiteren Verlauf des Wochenendes informiert. Des Weiteren wurden die Lebensgeschichten der fünf Models kurz vorgestellt. Für diese sollten wir am darauffolgenden Tag in einem professionellen Fotostudio mit dem den meisten von uns bereits bekannten Profifotografen Christian Borth (#CSH123, anyone?) passende Schnappschüsse machen.

Witzigerweise war parallel in einem benachbarten Seminarraum eine andere Veranstaltung der DCIG: ein Workshop für Eltern mit hörgeschädigtem Kind. Wir trafen dort Barbara und haben uns und unsere Junge Selbsthilfe spontan kurz den anwesenden Eltern vorgestellt. Dadurch können sie sich vielleicht ein Bild von der glorreichen Zukunft ihrer Töchter und Söhne in der besten Community überhaupt machen. 🙂

Zu Abend gab es dann typisch hessisch Speis und Trank, z. B. Frankfurter Schnitzel mit grüner Soße, Handkäs-Salat und Apfelwein. Zu guter Letzt wurde noch im Hotelzimmer 402 der 30. Geburtstag von Ole reingefeiert – wie es sich gehört mit Sekt, Musik und Tanz!

Am Samstag ging es nach einem ordentlichen Hotelfrühstück zum Fotostudio. Hier wurden wir von Christian Borth in die höhere Kunst der Fotografie und Ausstattung eingewiesen. Dazu gehörte der Aufbau der drei Sets und ganz besonders wichtig: die richtige Belichtung! Während wir Christian durchs Studio folgten und aufmerksam seinen Erklärungen zu den Kameraeinstellungen per Induktionsschleife lauschten, wurden die fünf Models von einer Stylistin und einer Kostümbildnerin mit Make-up und Garderobe kameragerecht aufgepeppt.

Schließlich wurden bis in den Abend hinein bestimmt tausende Fotos mit verschiedensten Posen und Perspektiven geknipst.  Wir bildeten drei Teams, die regelmäßig die Sets austauschten, damit wir jedes einzelne austesten konnte. Es war sehr interessant und ich glaube, viele von uns haben an dem Tag einiges dazu gelernt. Vielleicht gibt es sogar jemanden, der sich jetzt durch diese Erfahrung zum Hobbyfotografen entwickelt? Oder die, die es bereits sind, sind jetzt noch vertrauter mit den Möglichkeiten der Kameraeinstellungen.

Der Tisch wurde zum Abend wieder mit Frankfurter Spezialitäten gedeckt. Erschöpft, aber glücklich und um einiges schlauer, tauschten wir uns beim Essen über den Tag aus und genossen die Gesellschaft.

Sonntag haben wir nach dem Frühstück im hoteleigenen Seminarraum gemeinsam Ideen für die Veröffentlichung der fünf Stories samt Fotos erarbeitet. Wir durften auch schon eine Auswahl der Bilder vom Vortag einsehen und waren richtig begeistert von den kleinen Meisterwerken!

Ihr dürft gespannt sein auf die Veröffentlichung in der „Schnecke“! Ich werde hier nicht spoilern. Nur so viel sei gesagt: Es sind fünf tolle Models mit spannenden Stories, die sich um den Alltag mit CI (und ohne CI) drehen!

Ich finde, wir können stolz auf unser Werk sein! 🙂

Das Beitragsfoto hat übrigens unser top Assi-Assi Andi gemacht.

Schnipp, schnapp! CI ab!

4
Dez
20
Norma

Nein, nein, natürlich andersherum! Erst kommen die Hörprothesen ab, dann darf es “Schnipp, schnapp” heißen. 🙂


Selbst einem Cyborg wachsen unerbitterlich die Haare und er muss dann und wann mal den Gang zum Friseur antreten. Davon bleibt keiner verschont.

Aus Sicherheitsgründen lege ich beide CIs ab, bevor sich die Friseurin über meine Mähne hermachen darf. Zum einen weil die Haare gewaschen werden und die Geräte ja nicht unter Wasser dürfen. Zum anderen weil ich sonst beim Haareschneiden immer fürchten muss, dass im mehr oder weniger blinden Eifer das Kabel der Spule durchgetrennt werden könnte. Horrorvorstellung! Also lieber ab mit den Geräten und den Stummfilm genießen.

Ja, nun, wie ist das denn eigentlich, wenn man gehörlos auf dem Stuhl sitzt und einem die Haare gestutzt werden? Ich kann es euch sagen. Schließlich kenne ich es nicht anders. Wenn ich einen neuen Friseur habe, informiere ich ihn vorher über meine für ihn vermutlich ungewöhnliche Situation. Das heißt eigentlich, ich warne ihn. 😉 Sobald meine CI’s abgelegt sind, kann ich mich nicht ohne Weiteres mit ihm unterhalten. Also besser vorher den Haarschnitt klären.

Üblicherweise habe ich immer die gleiche Friseurin, mit der ich wortlos auskomme. Sobald ich mich ihren geschickten Händen übergebe, stöpsele ich mich von der Welt ab. Ich nehme den Trubel um mich herum nun nur noch lautlos wahr. Höre kein Geschnatter und keinen Haartrockner. Meist drifte ich in Gedanken ab, fixiere dabei Gegenstände im Blickfeld wie etwa Gemälde oder beobachte Leute im Spiegel. Hin und wieder habe ich Blickkontakt mit meiner Friseurin und wir lächeln uns zu (oder eher:  grinsen dämlich). 😀

Bei mir haben die Friseure keine richtige Kommunikation mit dem Kunden. Früher hatte ich deswegen immer ein schlechtes Gewissen, da ich davon ausging, dass denen ohne Gespräch langweilig wird. Ich bin deswegen sogar eine ganze Zeit lang bevorzugt zusammen mit meinem Vater zu seinem Friseur gegangen. Dann konnte sich mein Vaddern mit ihm unterhalten, während er uns nacheinander bearbeitete. Andernfalls hätte ich mich verantwortlich gefühlt, mit ihm zu schnacken. Denn vielleicht gehört die Plauderei ja zum Job?! Möglicherweise nehmen sich die Hairstylisten selber wie Entertainer oder freiwillige Therapeuten wahr und haben das Gefühl, ihren Job nicht richtig zu machen, wenn man sich nur stumpf anschweigt und ab und zu im Spiegel anguckt. Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich meine Friseurin einfach mal fragen?


Originalbeitrag auf meinem Blog *klick*

Alle Wege führen nach Kassel #BW5

4
Nov
2
Norma
Wege nach Kassel

“Wir sind gleich, denn wir sind alle anders.”

Dieses Zitat ist aus dem Theaterstück, das wir im Rahmen der fünften Blogwerkstatt selber entwickelt haben. Es trifft die Stimmung innerhalb unserer Gruppe sehr gut. Denn wir sind alle hörgeschädigt und in der normalhörenden Welt werden wir nun mal „anders“ wahrgenommen oder fühlen uns selber „anders“.

Dies hier ist mein persönlicher Eindruck zur fünften Blogwerkstatt, meine erste und sicher nicht letzte! Ich war sehr überwältigt von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Schon bei der Ankunft fühlte man sich sehr herzlich aufgenommen und auch an den Folgetagen wurde sehr deutlich, wie wunderbar die Gruppe funktionierte. Es war kein T.e.a.m. („Toll, ein anderer macht’s!“), sondern tatsächlich ein TEAM.

Unter Normalhörenden bin ich immer diejenige, die etwas mehr Rücksicht braucht und viel aufmerksamer sein muss als andere. Ich fühle mich oft nicht richtig verstanden („Cool, du kannst also dein Gehör einfach abstellen, wenn du willst!“ – ja, aber zu was für einem Preis??) und Nichtgehörtes wird schnell abgewunken („Ach, ist nicht so wichtig!“). Jeder mit Hörschädigung kennt solche Situationen.

Umso schöner war es dann in Kassel, wo ich eine von vielen war.

  • Jeder weiß, was Hörschädigung tatsächlich bedeutet.
  • Keiner wird ausgelacht, weil er bedingt durch die Hörschädigung einen gewissen Dialekt hat oder aus dem Rahmen tanzt, weil etwas nicht gehört wurde.
  • Nichtverstandenes wird geduldig wiederholt, bis es angekommen ist. Egal, wie oft.
  • Hilfsmittel wie Gebärden und Fingeralphabet sind selbstverständlich.
  • Blickkontakt sowieso.

Es gab auch kleine Situationen, die mir sehr gefallen haben. Zum Beispiel, wenn zwei Hörgeschädigte mitten auf der Straße laufen und vertieft in ihrer Unterhaltung das von hinten kommende Auto erst spät bemerken. Sonst sind es ja die guthörenden Freunde, die einen frühzeitig zur Seite ziehen. 🙂

Schön ist auch, dass keiner sich vor Körperkontakt zu scheuen schien. Ich habe oft das Gefühl, dass gerade hörgeschädigte Menschen gerne andere berühren, etwa um Aufmerksamkeit zu erhalten oder ihr Mitgefühl zu zeigen. Sonst kenne ich das nur von guten Freunden oder Familie. Daher entstand auch sehr schnell eine familiäre Atmosphäre in der Gruppe.

Besonders ist auch: Niemand wird außen vorgelassen. Denn alle kennen das Gefühl, ausgeschlossen zu werden. Es ist jedem in der normalhörenden Gesellschaft mal passiert und innerhalb der Blogwerkstatt wurde eben jenes verhindert. Jeder war mittendrin statt nur dabei!

In den fünf Tagen, die wir gemeinsam in Kassel verbrachten, fühlte ich mich ungewohnt wohl und gut aufgehoben, das kenne ich von sonst nirgendwo so. Innerhalb der kurzen Zeit hatte ich dann plötzlich gefühlt 39 neue Freunde! Bestimmt ging es anderen auch so. 🙂

Bewundernswert, zumal jeder aus unterschiedlichsten Ecken in Deutschland (und Österreich) kam. Es haben also tatsächlich alle Wege nach Kassel geführt.

Sinneserweiterung, die zweite

1
Mai
22
Norma

Meine Kurzhörbiografie: Von Geburt an auf beiden Seiten an Taubheit grenzend schwerhörig und viele Jahre lang zwei Hörgeräte getragen. Davon jetzt über elf Jahre mit einem Cochlea-Implantat (CI). Lange, lange Zeit damit zufrieden gewesen. Das Hörgerät auf der nichtimplantierten Seite ist irgendwann in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden, da es partout nicht mit dem CI mithalten geschweige denn harmonieren wollte.

Die Folge dessen: Ich bin das Hören allein mit dem einen CI gewohnt. Dolby Surround kannte ich eh noch nie. Mit dem CI aber kann ich Sprache, Geräusche und Musik viel klarer erfassen als früher mit Hörgeräten – das war für mich die pure Sinneserweiterung. Die Welt ist seitdem viel farbenfroher geworden, war sie zuvor noch ein Schwarz-Weiß-Bild.

Lange Zeit empfand ich es ausreichend. Hatte nicht das Gefühl, da könnte mehr möglich sein. „Mehr“ hatte ich schließlich noch nie erlebt und hätte ich auch nicht zu träumen gewagt. Zudem habe ich mich daran gewöhnt, dass mein eines Ohr – so „nutzlos“ es sein mag – frei ist. Kein Gerät, das es tragen muss. Haare kann ich problemlos dahinter streichen. Kann mich auf die freie Seite legen, ohne dass etwas drückt. Ein Stückchen gefühlte persönliche Freiheit.

Klingt das verrückt?

Doch nun hat sich etwas geändert. Es war keine einzelne bestimmte Situation, wo es bei mir “Klick” machte, wie ich es von anderen gelesen habe. Sondern vielmehr verschiedene Momente, in denen ich dachte: Was wäre, wenn…

Was wäre, wenn ich ein zweites CI hätte? Könnte ich in dem Gespräch mit meinen zwei Kollegen, die schnell miteinander reden, mehr mitbekommen? Könnte ich die Lautsprecherdurchsagen auf dem Bahnhof oder im Zug einfacher verstehen? Könnte ich der Gruppenunterhaltung mit Freunden beim Bowlen oder in der Bar besser folgen? Könnte ich die Richtung, aus welcher der Ruf kam, schneller orten?

Könnte ich tatsächlich noch mehr hören, als ich je in meinem Leben gewohnt war?

Diese Vorstellung gibt mir Gänsehaut. Plötzlich mache ich mir täglich Gedanken über das zweite CI. Kann mir immer mehr vorstellen, dass ich den Schritt (erneut) wagen würde. Dass ich noch einmal die Operation über mich ergehen lassen würde. Die ganzen Strapazen von Krankenhausaufenthalt, Heilungsprozess, Anpassung, Geduldsübungen und Hörtraining – vor allem jede Menge Hörtraining, tagein, tagaus, über Wochen und Monate. Vor ein oder zwei Jahren noch hätte ich mich dagegen gesträubt. Mich zu sehr auf das Risiko der OP fixiert, nicht noch ein Implantat gewollt (fühle mich jetzt schon manchmal wie ein Cyborg). Und vielleicht kann der eine oder andere das auch nachvollziehen, wie schön ein “freies” Ohr sein kann.

Ich bin einfach ein starkes Gewohnheitstier und bei Veränderungen sehr vorsichtig. Deswegen fällt mir das nicht so leicht.

Während dieser Entscheidungsfindung habe ich mich im Internet erkundigt, was Gleichgesinnte über ihr zweites CI berichten und welche Kliniken in Frage kommen könnten. Habe mich um ein neues Hörgerät gekümmert, nur um festzustellen, dass da natürlich kaum etwas ankommt auf dem nichtimplantierten Ohr. Von Sprachverständnis fehlt jede Spur. Immerhin ein klein wenig Richtungshören gewonnen und jetzt umso stärker den Wunsch, auch auf der “freien” Seite mehr Input zu erhalten. Habe mich außerdem mit ein paar Personen, die beidseitig versorgt sind, darüber unterhalten. Das alles sehr geholfen, den Gedanken über das zweite CI reifen zu lassen.

Wenn ich nun heute in mich hineinhorche (dazu muss man nicht mal hören können ;)), dann kann ich feststellen:

Ja, ich will ein zweites CI. Ich will sehen, beziehungsweise “hören”, was mit einem zweiten Cochlea-Implantat noch möglich ist.

Nun gilt es, die Klinik anzuhauen und das Ganze ins Rollen zu bringen. Und ich denke, es war irgendwie auch gut, sich hiermit viel Zeit zu lassen. Vielleicht mag manch einer sagen, das hätte ich viel früher machen müssen/können/sollen. Dennoch ist es für mich auch wichtig, das Gefühl zu haben, dafür bereit zu sein. Ein CI bedeutet viel Arbeit und das darf nicht unterschätzt werden!

Es gibt auch ein schönes Zitat, das mich in meiner Entscheidung bestärkt. Leider finde ich den Urheber nicht. Es lautet:

Don’t be afraid of change. You may lose something good, but you may gain something better.