Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Musikgenuss – langsam weiss ich wieder, was das ist

0
Jun
25
ursulasoyez

Heute war ich erstmals seit mehr als drei Jahren wieder in einem Konzert – im „Picknickkonzert“ des Georgischen Kammerorchesters in Ingolstadt (nur Streichinstrumente). Ein Konzert für Familien, um Kinder an klassische Musik heranzuführen. Auf dem Programm standen Vivaldi, Mozart und Britten. Bis mein rechtes Ohr im März 2014 auch schlapp machte, konnte ich Musik  nach meinem Hörsturz links (2007) „einohrig“ noch genießen – sie klang schön und normal, nur eben Mono statt Stereo. Nach dem endgültigen Absturz des rechten Ohres und der Anpassung des Hörgeräts bedeutete Musik für mich eigentlich nur noch eines: Stress. Ich versuchte immer mal wieder in meine CDs reinzuhören, nur um nach wenigen Minuten frustriert aufzugeben. Auch die 15 Frequenzbereiche meines Hörgerätes schafften es nicht, komplexe Melodien, geschweige denn das Zusammenspiel vieler Instrumente, hörenswert zu verstärken. Es blieb in erster Linie „Krach“.  Da fehlen zu viele Frequenzen, das Ergebnis war Dissonanz.

Umso erfreuter – und auch ein wenig erstaunt – war ich ja, dass ich mit dem CI quasi von Anfang an einen Zugang zu Melodien hatte. Zuerst Kinderlieder auf YouTube, dann einfache symphonische Werke. Peter und der Wolf, die ‘Mozart für Kinder’-CD meines Sohnes. Vorgestern erzählte nun unsere Nachbarin, dass sie mit Ihrem Sohn zum „Picknickkonzert“ gehen würde. Da wurde ich mutig – und wir entschieden, mitzugehen. Von der Akustik her schien mir ein Freiluftkonzert ein guter Einstieg, das war auch so.

Mein CI hat ein „Musikprogramm“ – da greift die Technik weniger ein, d.h. es werden zum Beispiel keine Frequenzen runter geregelt die von der Software als „Störgeräusche“ identifiziert werden. Zu Beginn des Konzerts stellte ich mein CI auf „Musik“ ein, das Hörgerät beließ ich auf dem normalen Programm. Sehr rasch musste ich beides leiser stellen, das Hörgerät noch mehr als das CI. Aber die Anfangstakte der „Vier Jahreszeiten“ erkannte das Gehirn sofort und es war: MUSIK. Während des Konzerts konnte ich immer wieder feststellen, dass die Celli und der Kontrabass den für mich angenehmsten und natürlichsten Klang hatten. Geigen und Bratschen klingen noch ein bisschen schriller und ein bisschen wie elektrisch verstärkt. Ich war jedoch erstaunt, dass ich tatsächlich bei einem Orchesterkonzert schon so viel „mitnehmen“ kann, oft das Thema genau hören konnte und eben auch die Einsätze verschiedener Instrumente mitbekam.

Während des Konzerts habe ich mehrere „Testphasen“ eingebaut, mal das Hörgerät abgeschaltet, mal das CI. Das beste Klangerlebnis war tatsächlich mit dem CI (Musikprogramm) und leiser geregeltem Hörgerät. Mit CI alleine kamen die Melodien gut durch, aber gerade in höheren Tonlagen klang es nicht symphonisch, sondern eher wie „E-Geigen“. Mit Hörgerät alleine fehlten Frequenzen, es klang eher dissonant und häufig einfach nach „Krach“. Sobald ich eine Seite „abschaltete“ merkte ich, wieviel mehr Tiefe und Fülle einem doch zwei „Ohren“ geben – was das Hören angeht, ist 1+1 gefühlt viel mehr als 2, es kommt nun mal eine weitere Dimension dazu. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: NEIN, es klingt nicht so wie früher – aber eben Lichtjahre besser als nur mit Hörgerät. Es kommen wieder Zwischentöne durch, die Musik bringt in mir wieder etwas ins Schwingen (statt nur Stresshormone freizusetzen).

Die mir bekannten Stücke (Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“) waren für mich eingängiger als das mir unbekannte Werk „Simple Symphony“ von Benjamin Britten – genau das hatte ich auch erwartet. Jedoch war ich erstaunt, dass mein Hören und mein Gehirn auch mit dem unbekannten Stück durchaus etwas anfangen konnten und ich mich reinhörte. Besonders gefiel mir das Pizzicato (Zupfen der Streichinstrumente) im zweiten Satz. Da hatte ich zwar das Gefühl, dass manche Töne zu leise waren um bei mir im CI anzukommen, aber insgesamt klang es schön. Dafür konnte ich mit dem 3. Satz nichts anfangen – in Moll, sehr getragen und wenig unterschiedliche Tonhöhen, es klang in keinem Modus (nur CI, nur Hörgerät, beides zusammen) eingängig, es war ein diffuser Klangbrei – da war einfach nicht viel, woran sich mein Gehirn orientieren konnte. Der melodiöse, fröhliche 4. und letzte Satz machte mir dafür jedoch wieder Freude.

Dieser musikerfüllte Vormittag nur knapp vier Monate nach Aktivierung meines CIs hat mich bestärkt, mich weiter an Musik, auch an Konzerte, heranzutasten. Klassik im Freien scheint genau richtig. Ich glaube, ein Konzertsaal wäre derzeit akustisch noch zu intensiv. Ich merke jetzt, am Abend, dass es doch eine ziemliche Anstrengung war, die meinen Körper viel Energie gekostet hat. Im Moment brauche ich Stille und musste meine „Ohren ablegen,“ fühle mich müde und matt. Aber morgen höre ich mir vielleicht die kleine Nachtmusik nochmal auf CD an! Abschließend möchte ich alle CI-Anwärter und Neulinge ermutigen, Musik von Anfang an in ihr Hörtrainings-Programm aufzunehmen – es gibt kein “zu früh”. Klar klingt es “anders” – aber man findet trotzdem etwas darin.

Vier Wochen CI – und akustisch zurück auf Planet Erde (fast)

1
Mrz
27
ursulasoyez
Ich sehe die Vögel nicht, aber ich höre ihr Konzert.

Morgen (27.3.17). wird mein „Blechohr“ vier Wochen alt. Was es hört klingt meist in der Tat noch sehr blechern. Aber mir ist bewusst, wie weit meine Reise mich schon gebracht hat (Mehr zu den Etappen meiner Hörreise findet sich auf meinem Blog). Es ist Sonntagnachmittag 17:00 Uhr, ich habe heute bislang auf mein Hörgerät verzichtet und gehe nur mit CI durch den Tag. Es ist ein langsamer und ruhiger Tag, ich bin nicht dauernd auf mein Gehör angewiesen, aber trotzdem. Ich habe heute früh meinen Sohn verstanden, als er mir sagte was er zum Frühstück wollte und fragte ob schon Malstifte in seinem Koffer seien. Ich habe ihn auf seine Reise zu Oma und Opa verabschieden können und sein „Tschüß, Mama“ gehört. Ich habe mich mit den Nachbarn im Garten über das schöne Frühlingswetter unterhalten können. Ich habe mit meinem Mann beim Mittagessen den Nachmittag planen können – mit mehrmaligem Nachfragen und kleineren Missverständnissen, aber es hat geklappt. Klingt die Sprachwelt normal? Ein klares NEIN. Aber solange die Themen einfach, das Gesicht des Gesprächspartners sichtbar und die Umgebung leise sind, ist Kommunikation möglich. Vorhin konnte ich sogar beim spazierengehen meinen Mann meist verstehen, obwohl wir nebeneinander gingen. Stimmen klingen weiter metallisch-blechern, schrill an den ‚Rändern‘, aber bei Menschen deren Stimmen mir vertraut sind, werden diese doch langsam erkennbar. Alles in allem habe ich seit meiner dritten Einstellung am Mittwoch einen großen Sprung gemacht.

Insgesamt ist das CI jetzt lauter eingestellt – wenn ich sowohl Hörgerät als auch CI trage, habe ich erstmals das Gefühl, Sprache kommt auf beiden Seiten an. Es sind nicht mehr nur die Zischlaute, die ich im Alltagshören mit der CI-Seite wahrnehme. Deshalb scheint es mir seit Donnerstag, dass das Gehirn allmählich auch auf die Informationen der CI-Seite aktiv zurückgreift. Das erste Erfolgserlebnis mit der aktuellen Einstellung kam am Donnerstag, als ich mit einer Kollegin zur Arbeit gefahren bin. Ich bin es gewöhnt, dass ich mich zu einer Unterhaltung vom Beifahrersitz zum Fahrersitz hindrehen muss, damit das Gespräch die Mikros des Hörgeräts rechts gut trifft (und nicht der Motorenlärm dominiert), und damit ich das Mundbild des Sprechenden zumindest im Profil sehe. Am Donnerstag konnte ich erstmals seit Jahren immer wieder einige Zeit nach vorne schauen und trotzdem meine Kollegin verstehen. Der nächste Sprung nach vorne war Freitag. Ich habe mir einen kurzen Film auf dem Laptop angesehen (mit technischer Unterstützung, der Ton ging dank Minimic direkt ins CI) – einen englischsprachigen Redeausschnitt einer Konferenz, die Rednerin kenne ich gut. Ich hatte nicht damit gerechnet, etwas zu verstehen und war zu Tränen gerührt, dass ich nicht nur verstand, sondern auch noch die Stimme erkannte. Der Micky Maus-Anteil ihrer Stimme war in diesem Moment nur noch gefühlte zehn Prozent.  Ich habe danach versucht, einen weiteren Videobeitrag derselben Konferenz anzusehen, aber war sehr schnell zu erschöpft und verstand nichts mehr.

Heute nun habe ich eine Webseite zum Hörtraining herangezogen, die mir die Logopädin empfohlen hat: www.deutschelyrik.de – dort hat der Sprecher und Schauspieler Fritz Stavenhagen mehr als 1000 Gedichte eingelesen. Parallel zur Hörversion kann man den Text mitlesen. Perfekt geeignet für das CI-Hörtraining. Die Gedichte sind sowohl nach Autoren als auch nach verschiedenen Kategorien abrufbar, und ich habe mir heute Frühlingsgedichte angehört. Wunderschön – ob CI-Träger oder guthörend! Zum Monatsausklang empfehle ich Euch Erich Kästners Gedicht zum März. Ohne Mitlesen für mich noch schwierig, mit gleichzeitiger Lektüre gut verständlich, wenn auch noch scheppernd vom Klang her.

Der Frühling ist definitiv eine tolle Jahreszeit, das Hören wieder zu erlernen. Überall zwitschern Vögel und tirilieren in den höchsten Tönen, die jetzt wieder in meinem Gehirn ankommen – das macht gute Laune. Vogelgezwitscher klingt mittlerweile richtig ‚stereo‘ mit CI und Hörgerät. Kirchenglocken ähneln wieder einem echten harmonischen Läuten – statt der scheppernden Kakophonie mit Hörgerät. Andere Alltagsgeräusche sind leider sehr schrill – da alles leicht metallisch klingt, könnt ihr euch vorstellen, wie potenziert kreischend echte Metallgeräusche klingen. Manche solcher Geräusche tun weh, auch wenn sie ganz leise sind. Mein Tinnitus ist derzeit lauter als sonst, wohl auch von der Höranstrengung (was mich nachts leider manchmal länger wachliegen lässt). Wenn ich zu intensiv höre, wird meine Wange leicht taub und kribbelt – ich nehme an, eine Nebenwirkung der stetigen elektrischen Impulse. In den letzten Tagen war mir mehrmals auch wieder leicht schwindlig, dies gab sich zum Glück immer schnell. Ich habe jedoch auch den Alltag in ‚normalem‘ Tempo und mit recht viel körperlicher Aktivität gelebt – Gartenarbeit, Fahrrad fahren, flottes Tempo beim Gehen. Vielleicht hinkte da mein Gleichgewichtssinn noch etwas hinterher. Deshalb bin ich froh, heute einen ruhigen Tag einzulegen und die Tonspur des Frühlings bewusst zu genießen.

Aufbruch in das Abenteuer CI – der große Tag ist da

0
Feb
27
ursulasoyez
Plakat in München-Solln (29.9.2016)

Dieser Beitrag entstand gestern, da konnte ich ihn aber noch nicht hochladen. Heute kommt ein “Vorspann” hinzu: Seit gut acht Stunden habe ich nun meinen “Knopf am Kopf” und juhu, von links kommt wieder etwas in meinem Hörzentrum an! Töne wie aus einer anderen Welt. Das Verstehen wird kommen, da bin ich sicher. Bis dahin höre ich mich ein auf dem Planeten der hochfrequentischen Roboter-Micky-Mäuse. Und genieße, dass ich erstmals seit fast zehn Jahren ein Gefühl von “Raumklang” habe. Schön, dass ich hier dabei sein darf!  Viele Grüße, Ursula

26. Februar 2017- Morgen ist der große Tag

Ich bin weit gekommen im letzten halben Jahr. Mitte Juli 2016 fuhr ich nach Bad Nauheim zur Reha in der Median Kaiserberg-Klinik, ein Cochlea Implantat konnte ich mir zu dem Zeitpunkt gar nicht vorstellen, Gedanken daran schob ich immer weit von mir. Nach fünf Wochen dort sagte ich im Abschlussgespräch mit der Ärztin erstmals laut den Satz „Ich will ein CI“. Nur um sofort danach in Tränen auszubrechen. Vor Erleichterung – und weil es ein Versprechen an mich selbst war. Es war ein Riesenschritt. Und fühlte sich bald an wie eine Befreiung. Endlich eine neue Perspektive. Im Sommer 2007 war mein Gehör links abgestürzt. Das war zunächst ein Schock und bald einfach die neue, etwas anstrengendere Normalität. Aber als sich dann im Herbst 2013 eine Erkältung auf das rechte Ohr setzte und dieses nach Monaten des Auf und Ab im Frühjahr 2014 komplett abstürzte, stürzte für mich damit auch eine Welt ein. Mit einem Hörgerät im rechten Ohr und – wie ich mittlerweile weiß –  purer Willenskraft bewältigte ich den Alltag wieder, aber die Erschöpfung wuchs und wuchs. Die Reha in Bad Nauheim war meine Reißleine. Zum Glück.

Morgen nun ist der große Tag. Mein Cochlea Implantat wird eingeschaltet. Interessanterweise bin ich bislang nicht wirklich aufgeregt, einfach nur gespannt und neugierig. Mittlerweile sind mehr als fünf Wochen seit der OP am 19. Januar vergangen, und auch die Nachwehen verblassen zum Glück so langsam. Die OP selbst habe ich ja gut überstanden, kein Schwindel, keine Übelkeit, Schmerzmittel nur die ersten beiden Tage, die Wunde ist gut geheilt. Die Nachwehen holten mich erst zuhause ein. Gut eine Woche nach der OP wurde ich seekrank – ganz ohne Schiff. So elend war mit noch nie in meinem Leben zumute, ich war sogar nochmal drei Tage stationär in der Klinik. Das linke Gleichgewichtsorgan hatte anscheinend gemerkt, dass es doch beleidigt war… Dank Gleichgewichtstraining ist der Schwindel mittlerweile viel besser, sogar Fahrradfahren geht wieder. Spülmaschine ausräumen dagegen nicht, das muss mein Mann machen (alles hat seine Vorteile).

Das Hören selbst war in den letzten fünf Wochen nur geringfügig anders als vor der OP. Ich gehe ja schon lange einohrig durch’s Leben. Allerdings habe ich festgestellt, dass vom linken Ohr in meinem Hörzentrum bis zur OP wohl doch noch etwas „angekommen“ ist. Tiefe Frequenzen. Denn das Motorengeräusch im Auto klingt jetzt anderes. Der Straßenlärm auch etwas. Das kuschlige Rascheln der Daunendecke abends, wenn das Hörgerät schon in seiner Trockenbox steckt, ist noch leiser geworden und darüber bin ich etwas traurig. Wieder ein Loslassen.

Dafür kommen ab morgen wieder andere, neue Geräusche in mein Leben. Ich bin gespannt auf diese Hörreise. Ich bin dankbar für meine Mitreisenden. Als ich im September zum Informationsgespräch in das Martha-Maria-Krankenhaus nach München gefahren bin, musste ich laut auflachen, als ich auf einer Wiese gegenüber des Klinikgeländes folgendes Plakat sah (bis heute habe ich keine Ahnung, wofür es warb): “Dive into an experience reserved for the chosen few.” Ich nahm es als Wink mit dem Zaunpfahl und ein gutes Omen. Jetzt freue ich mich auf das Eintauchen in das neue Abenteuer Hören mit CI!