Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Familientreffen der besonderen Art #BW6

0
Mrz
26
Norma

Bald ist Ostern. Ostern ist ein Familienfest, so wie Weihnachten und Geburtstage. Die ganze Familie kommt zusammen und feiert. Oder auch nur ein Teil.

Dann gibt es da noch die Blogwerkstatt. Jede Blogwerkstatt ist ein Familientreffen auf einem ganz anderen Level. Zahlreiche junge Erwachsene mit Hörschädigung begegnen sich und sofort ist das familiäre Gefühl da! Das Vertrauen füreinander, keine Scheu vor Nähe!

Die Blogwerkstatt VI fand erneut in St. Jakob in Defereggen statt. Auf dem Tagesprogramm standen Skifahren und anschließend Workshops rund um Öffentlichkeitsarbeit. Trotz straffem Tagesablauf und teilweise wenig Schlaf (zumindest für die, die bis in die späten Stunden schnackten und spielten) strotzten wir immer vor Energie – sowohl auf der Piste als auch in der Arbeitsgruppe.

Wie schon zuvor in Kassel und Frankfurt erlebte ich ein großartiges Gefühl in der Gemeinschaft. Wir helfen einander. Wir vertrauen einander. Wir machen einander stark. Zusammen sind wir einfach unschlagbar! Nirgendwo sonst habe ich so viele Umarmungen in so kurzer Zeit erhalten – besonders nicht mit Leuten, die ich erst seit ein paar Stunden oder Tage kenne! Diese Art von Nähe ist nicht selbstverständlich, aber hier gibt es sie.

Was war noch?

Wetter war klasse! Nur anfangs gab es Nebel auf den höher gelegenen Pisten, ansonsten viel Sonnenschein, wie es sich gehört.

Statt Après-Ski gab es teilweise leckere Heißgetränke oder auch kühle Drinks im Café zwischen Herberge und Seminarraum. Man wollte ja wachbleiben für die Workshops.

Uuuund es wird noch ganz tolle Produkte geben, wie etwa ein ganz besonderes Drohnen-Video… mehr verrate ich hier nicht! ;P

Ach ja, die traditionelle Nacktabfahrt durfte natürlich auch nicht fehlen! 😉

Das schönste Geschenk am Ende dieser Familienfeier war die Nachricht: Wir kehren 2019 zurück nach St. Jakob!

Hinter den Ohren unter die Haut!

2
Feb
22
Norma

Eine kleine Berichterstattung für all jene, die nicht beim Fotoworkshop dabei waren, aber gerne etwas darüber erfahren möchten.

Am Freitag, 16. Februar 2018, sind wir nachmittags alle nach und nach im Hotel in Frankfurt eingetrudelt, haben eingecheckt und die Koffer aufs Zimmer gebracht, bevor es zum Seminarraum ging. Hier wurden wir von Oliver begrüßt und über den weiteren Verlauf des Wochenendes informiert. Des Weiteren wurden die Lebensgeschichten der fünf Models kurz vorgestellt. Für diese sollten wir am darauffolgenden Tag in einem professionellen Fotostudio mit dem den meisten von uns bereits bekannten Profifotografen Christian Borth (#CSH123, anyone?) passende Schnappschüsse machen.

Witzigerweise war parallel in einem benachbarten Seminarraum eine andere Veranstaltung der DCIG: ein Workshop für Eltern mit hörgeschädigtem Kind. Wir trafen dort Barbara und haben uns und unsere Junge Selbsthilfe spontan kurz den anwesenden Eltern vorgestellt. Dadurch können sie sich vielleicht ein Bild von der glorreichen Zukunft ihrer Töchter und Söhne in der besten Community überhaupt machen. 🙂

Zu Abend gab es dann typisch hessisch Speis und Trank, z. B. Frankfurter Schnitzel mit grüner Soße, Handkäs-Salat und Apfelwein. Zu guter Letzt wurde noch im Hotelzimmer 402 der 30. Geburtstag von Ole reingefeiert – wie es sich gehört mit Sekt, Musik und Tanz!

Am Samstag ging es nach einem ordentlichen Hotelfrühstück zum Fotostudio. Hier wurden wir von Christian Borth in die höhere Kunst der Fotografie und Ausstattung eingewiesen. Dazu gehörte der Aufbau der drei Sets und ganz besonders wichtig: die richtige Belichtung! Während wir Christian durchs Studio folgten und aufmerksam seinen Erklärungen zu den Kameraeinstellungen per Induktionsschleife lauschten, wurden die fünf Models von einer Stylistin und einer Kostümbildnerin mit Make-up und Garderobe kameragerecht aufgepeppt.

Schließlich wurden bis in den Abend hinein bestimmt tausende Fotos mit verschiedensten Posen und Perspektiven geknipst.  Wir bildeten drei Teams, die regelmäßig die Sets austauschten, damit wir jedes einzelne austesten konnte. Es war sehr interessant und ich glaube, viele von uns haben an dem Tag einiges dazu gelernt. Vielleicht gibt es sogar jemanden, der sich jetzt durch diese Erfahrung zum Hobbyfotografen entwickelt? Oder die, die es bereits sind, sind jetzt noch vertrauter mit den Möglichkeiten der Kameraeinstellungen.

Der Tisch wurde zum Abend wieder mit Frankfurter Spezialitäten gedeckt. Erschöpft, aber glücklich und um einiges schlauer, tauschten wir uns beim Essen über den Tag aus und genossen die Gesellschaft.

Sonntag haben wir nach dem Frühstück im hoteleigenen Seminarraum gemeinsam Ideen für die Veröffentlichung der fünf Stories samt Fotos erarbeitet. Wir durften auch schon eine Auswahl der Bilder vom Vortag einsehen und waren richtig begeistert von den kleinen Meisterwerken!

Ihr dürft gespannt sein auf die Veröffentlichung in der „Schnecke“! Ich werde hier nicht spoilern. Nur so viel sei gesagt: Es sind fünf tolle Models mit spannenden Stories, die sich um den Alltag mit CI (und ohne CI) drehen!

Ich finde, wir können stolz auf unser Werk sein! 🙂

Das Beitragsfoto hat übrigens unser top Assi-Assi Andi gemacht.

Junge Selbsthilfe goes Berlin

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Die Blogwerkstatt 7 soll in der Hauptstadt stattfinden

Die Blogwerkstatt 5 vor Augen, die Blogwerkstatt 6 in St. Jakob im März 2018 (17.03.-24.03.2018) fest eingeplant, beschäftigen wir uns hinter den Kulissen bereits mit der Blogwerkstatt 7, welche in Kooperation mit der BBCIG e.V. im Herbst 2018 in Berlin stattfinden soll. Die Junge Selbsthilfe der DCIG lebt wie nie zuvor und das Engagement kennt keine Grenzen. Die ersten regionalen Untergruppen von Deaf-Ohr-Alive sind gegründet und ein Ende ist zum Glück nicht in Sicht. Immer mehr junge Aktive fordern, in die Planungen und die Konzeption weiterer Events involviert zu werden.

Jetzt habt IHR die Chance!

Gestaltet die Blogwerkstatt 7 in Berlin aktiv mit und bringt eure Ideen und Wünsche ein. Wir suchen eine Projektgruppe von etwa 5 Personen. Meldet euch bei Interesse direkt bei: oliver.hupka@dcig.de

WIR SIND DIE DCIG – WIR SIND DIE JUNGE SELBSTHILFE – WIR SIND DEAF-OHR-ALIVE

Sinneserweiterung, die zweite

1
Mai
22
Norma

Meine Kurzhörbiografie: Von Geburt an auf beiden Seiten an Taubheit grenzend schwerhörig und viele Jahre lang zwei Hörgeräte getragen. Davon jetzt über elf Jahre mit einem Cochlea-Implantat (CI). Lange, lange Zeit damit zufrieden gewesen. Das Hörgerät auf der nichtimplantierten Seite ist irgendwann in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden, da es partout nicht mit dem CI mithalten geschweige denn harmonieren wollte.

Die Folge dessen: Ich bin das Hören allein mit dem einen CI gewohnt. Dolby Surround kannte ich eh noch nie. Mit dem CI aber kann ich Sprache, Geräusche und Musik viel klarer erfassen als früher mit Hörgeräten – das war für mich die pure Sinneserweiterung. Die Welt ist seitdem viel farbenfroher geworden, war sie zuvor noch ein Schwarz-Weiß-Bild.

Lange Zeit empfand ich es ausreichend. Hatte nicht das Gefühl, da könnte mehr möglich sein. „Mehr“ hatte ich schließlich noch nie erlebt und hätte ich auch nicht zu träumen gewagt. Zudem habe ich mich daran gewöhnt, dass mein eines Ohr – so „nutzlos“ es sein mag – frei ist. Kein Gerät, das es tragen muss. Haare kann ich problemlos dahinter streichen. Kann mich auf die freie Seite legen, ohne dass etwas drückt. Ein Stückchen gefühlte persönliche Freiheit.

Klingt das verrückt?

Doch nun hat sich etwas geändert. Es war keine einzelne bestimmte Situation, wo es bei mir “Klick” machte, wie ich es von anderen gelesen habe. Sondern vielmehr verschiedene Momente, in denen ich dachte: Was wäre, wenn…

Was wäre, wenn ich ein zweites CI hätte? Könnte ich in dem Gespräch mit meinen zwei Kollegen, die schnell miteinander reden, mehr mitbekommen? Könnte ich die Lautsprecherdurchsagen auf dem Bahnhof oder im Zug einfacher verstehen? Könnte ich der Gruppenunterhaltung mit Freunden beim Bowlen oder in der Bar besser folgen? Könnte ich die Richtung, aus welcher der Ruf kam, schneller orten?

Könnte ich tatsächlich noch mehr hören, als ich je in meinem Leben gewohnt war?

Diese Vorstellung gibt mir Gänsehaut. Plötzlich mache ich mir täglich Gedanken über das zweite CI. Kann mir immer mehr vorstellen, dass ich den Schritt (erneut) wagen würde. Dass ich noch einmal die Operation über mich ergehen lassen würde. Die ganzen Strapazen von Krankenhausaufenthalt, Heilungsprozess, Anpassung, Geduldsübungen und Hörtraining – vor allem jede Menge Hörtraining, tagein, tagaus, über Wochen und Monate. Vor ein oder zwei Jahren noch hätte ich mich dagegen gesträubt. Mich zu sehr auf das Risiko der OP fixiert, nicht noch ein Implantat gewollt (fühle mich jetzt schon manchmal wie ein Cyborg). Und vielleicht kann der eine oder andere das auch nachvollziehen, wie schön ein “freies” Ohr sein kann.

Ich bin einfach ein starkes Gewohnheitstier und bei Veränderungen sehr vorsichtig. Deswegen fällt mir das nicht so leicht.

Während dieser Entscheidungsfindung habe ich mich im Internet erkundigt, was Gleichgesinnte über ihr zweites CI berichten und welche Kliniken in Frage kommen könnten. Habe mich um ein neues Hörgerät gekümmert, nur um festzustellen, dass da natürlich kaum etwas ankommt auf dem nichtimplantierten Ohr. Von Sprachverständnis fehlt jede Spur. Immerhin ein klein wenig Richtungshören gewonnen und jetzt umso stärker den Wunsch, auch auf der “freien” Seite mehr Input zu erhalten. Habe mich außerdem mit ein paar Personen, die beidseitig versorgt sind, darüber unterhalten. Das alles sehr geholfen, den Gedanken über das zweite CI reifen zu lassen.

Wenn ich nun heute in mich hineinhorche (dazu muss man nicht mal hören können ;)), dann kann ich feststellen:

Ja, ich will ein zweites CI. Ich will sehen, beziehungsweise “hören”, was mit einem zweiten Cochlea-Implantat noch möglich ist.

Nun gilt es, die Klinik anzuhauen und das Ganze ins Rollen zu bringen. Und ich denke, es war irgendwie auch gut, sich hiermit viel Zeit zu lassen. Vielleicht mag manch einer sagen, das hätte ich viel früher machen müssen/können/sollen. Dennoch ist es für mich auch wichtig, das Gefühl zu haben, dafür bereit zu sein. Ein CI bedeutet viel Arbeit und das darf nicht unterschätzt werden!

Es gibt auch ein schönes Zitat, das mich in meiner Entscheidung bestärkt. Leider finde ich den Urheber nicht. Es lautet:

Don’t be afraid of change. You may lose something good, but you may gain something better.

DCIG Blogwerkstatt 5 – seid ihr dabei?

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Junge Selbsthilfe: Im Fokus: Wir!

Tanztheater für hörgeschädigte Menschen

28. Oktober – 01. November 2017 | Jugendherberge Kassel (Schenkendorfstraße)
Du hast Spaß an Bewegung und Musik? Du hast Ideen und möchtest sie im künstlerischen Ausdruck umsetzen? Du hast Lust, Geschichten zu erfinden und Dich darin auszudrücken? Du möchtest gerne mit Dir und anderen Grenzen ausloten und auch überschreiten? Du bist offen für das, was sich in der Gruppe ergibt?

Dann bist Du hier genau richtig. Wir möchten mit Euch musikalische und tänzerische  Möglichkeiten entdecken. Wir möchten mit Euch gemeinsam Szenen erarbeiten, die Eure Bilder, Phantasien, Träume, Wünsche, Erlebnisse tänzerisch und musikalisch ausdrücken. Wir möchten mit Euch Euer eigenes Tanztheaterprojekt entwickeln. Elemente aus Tanz und Musik sind Mittel um Ausgangspunkte zu schaffen und Geschichten zu erzählen.
Was entsteht, entsteht aus der Phantasie der Akteure und ihrem Spiel mit den Mitteln aus Musik, Stimme, Bewegung, Begegnung. Ästhetik und Ausdruck stehen im Einklang mit dem Geschehen und nehmen Akteure und Zuschauer mit.
Wir arbeiten mit dem Staatstheater Kassel zusammen, das sich schon bei unserer ersten Anfrage von unserer Idee in den Bann ziehen ließ. Für unsere Arbeit stehen uns die Probebühnen dort zur Verfügung, und wir lernen professionellen Tänzer der Tanzkompanie des Theaters kennen.

Voraussetzung: Offenheit, Lust an der gemeinsamen Arbeit, Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen.
Keine musikalischen oder tänzerischen Vorkenntnisse erforderlich!

“Wie wird’s verständlich?” – Ein Wochenende

0
Mrz
6
martinabauer

Bereits auf dem Rückweg von der Blogwerkstatt 3 schwirrte mir so allerlei im Kopf herum, wie man diese tolle Gemeinschaft von jungen Leuten auch in Baden-Württemberg zusammenbringen kann. Kurz entschlossen unternahm ich noch im Zug erste Planungen. Schon wenige Tage später sagte mir Jana als Referentin zu, Ulrike kümmerte sich um die Unterkunft und so begann das Workshop-Wochenende Gestalt anzunehmen.

Herausgekommen ist ein Angebot für junge Erwachsene, die im Studium oder Berufsleben mit ihrer Hörschädigung zurechtkommen wollen. Wie kommuniziere ich mit meinem Umfeld, wie verhalte ich mich im Bewerbungsgespräch usw. Das sind Fragen, die wir beantworten wollen.
Und natürlich soll auch der Spaß nicht zu kurz kommen… Schon mal was von Tiefseilgarten gehört? Und wer möchte, kann sich auch beim Kochen und beim Einstudieren eines Gebärdenliedes versuchen. Und das alles in netter Location im Schwarzwald.

Hier findet Ihr die Einladung mit allen Infos. Das Anmeldeformular also einfach gleich ausfüllen und uns schicken. Wir freuen uns auf Euch, gerne auch auf Teilnehmer aus anderen Regionalverbänden!
(Anmeldung bitte bis zum 31.03.2017)

Das Team „Junge Selbsthilfe“ aus BaWü 🙂

@Martina, @Tobias, Ulrike, Steffi

Aufbruch in das Abenteuer CI – der große Tag ist da

0
Feb
27
ursulasoyez
Plakat in München-Solln (29.9.2016)

Dieser Beitrag entstand gestern, da konnte ich ihn aber noch nicht hochladen. Heute kommt ein “Vorspann” hinzu: Seit gut acht Stunden habe ich nun meinen “Knopf am Kopf” und juhu, von links kommt wieder etwas in meinem Hörzentrum an! Töne wie aus einer anderen Welt. Das Verstehen wird kommen, da bin ich sicher. Bis dahin höre ich mich ein auf dem Planeten der hochfrequentischen Roboter-Micky-Mäuse. Und genieße, dass ich erstmals seit fast zehn Jahren ein Gefühl von “Raumklang” habe. Schön, dass ich hier dabei sein darf!  Viele Grüße, Ursula

26. Februar 2017- Morgen ist der große Tag

Ich bin weit gekommen im letzten halben Jahr. Mitte Juli 2016 fuhr ich nach Bad Nauheim zur Reha in der Median Kaiserberg-Klinik, ein Cochlea Implantat konnte ich mir zu dem Zeitpunkt gar nicht vorstellen, Gedanken daran schob ich immer weit von mir. Nach fünf Wochen dort sagte ich im Abschlussgespräch mit der Ärztin erstmals laut den Satz „Ich will ein CI“. Nur um sofort danach in Tränen auszubrechen. Vor Erleichterung – und weil es ein Versprechen an mich selbst war. Es war ein Riesenschritt. Und fühlte sich bald an wie eine Befreiung. Endlich eine neue Perspektive. Im Sommer 2007 war mein Gehör links abgestürzt. Das war zunächst ein Schock und bald einfach die neue, etwas anstrengendere Normalität. Aber als sich dann im Herbst 2013 eine Erkältung auf das rechte Ohr setzte und dieses nach Monaten des Auf und Ab im Frühjahr 2014 komplett abstürzte, stürzte für mich damit auch eine Welt ein. Mit einem Hörgerät im rechten Ohr und – wie ich mittlerweile weiß –  purer Willenskraft bewältigte ich den Alltag wieder, aber die Erschöpfung wuchs und wuchs. Die Reha in Bad Nauheim war meine Reißleine. Zum Glück.

Morgen nun ist der große Tag. Mein Cochlea Implantat wird eingeschaltet. Interessanterweise bin ich bislang nicht wirklich aufgeregt, einfach nur gespannt und neugierig. Mittlerweile sind mehr als fünf Wochen seit der OP am 19. Januar vergangen, und auch die Nachwehen verblassen zum Glück so langsam. Die OP selbst habe ich ja gut überstanden, kein Schwindel, keine Übelkeit, Schmerzmittel nur die ersten beiden Tage, die Wunde ist gut geheilt. Die Nachwehen holten mich erst zuhause ein. Gut eine Woche nach der OP wurde ich seekrank – ganz ohne Schiff. So elend war mit noch nie in meinem Leben zumute, ich war sogar nochmal drei Tage stationär in der Klinik. Das linke Gleichgewichtsorgan hatte anscheinend gemerkt, dass es doch beleidigt war… Dank Gleichgewichtstraining ist der Schwindel mittlerweile viel besser, sogar Fahrradfahren geht wieder. Spülmaschine ausräumen dagegen nicht, das muss mein Mann machen (alles hat seine Vorteile).

Das Hören selbst war in den letzten fünf Wochen nur geringfügig anders als vor der OP. Ich gehe ja schon lange einohrig durch’s Leben. Allerdings habe ich festgestellt, dass vom linken Ohr in meinem Hörzentrum bis zur OP wohl doch noch etwas „angekommen“ ist. Tiefe Frequenzen. Denn das Motorengeräusch im Auto klingt jetzt anderes. Der Straßenlärm auch etwas. Das kuschlige Rascheln der Daunendecke abends, wenn das Hörgerät schon in seiner Trockenbox steckt, ist noch leiser geworden und darüber bin ich etwas traurig. Wieder ein Loslassen.

Dafür kommen ab morgen wieder andere, neue Geräusche in mein Leben. Ich bin gespannt auf diese Hörreise. Ich bin dankbar für meine Mitreisenden. Als ich im September zum Informationsgespräch in das Martha-Maria-Krankenhaus nach München gefahren bin, musste ich laut auflachen, als ich auf einer Wiese gegenüber des Klinikgeländes folgendes Plakat sah (bis heute habe ich keine Ahnung, wofür es warb): “Dive into an experience reserved for the chosen few.” Ich nahm es als Wink mit dem Zaunpfahl und ein gutes Omen. Jetzt freue ich mich auf das Eintauchen in das neue Abenteuer Hören mit CI!

Cochlea Implantat – ja oder nein?

1
Jan
2
fehrhoert

An alle Schwerhörige und potenzielle CI-Kandidaten, welche vor der Frage stehen:

Soll ich mir nun ein CI machen lassen oder nicht?

Wichtig ist, dass du dich ganz emotionslos sowie so rational und sachlich wie möglich an die Materie Cochlea Implantat heranwagst. Zuerst musst du dich fragen, ob du zufrieden mit deiner derzeitigen Lebensqualität bist. Hörst du für dich genug? Bist du zufrieden mit deiner Hörleistung? Wie sehen es deine Familie und Freunde?

Wenn du mit deiner derzeitigen Situation zufrieden bist, passt eh alles und du brauchst nichts verändern. Wenn du allerdings unzufrieden bist, dann musst DU an DIR was ändern, denn die Situation lässt sich leider nicht verändern.

Wenn du nun etwas an dir verändern willst, solltest du dir vorher so viele Informationen wie möglich darüber einholen, was dich erwarten kann. Denn je mehr Input du dir über die Materie Cochlea Implantat bekommst und je mehr du über die OP  weißt, umso weniger musst du dich auf andere verlassen und desto kalkulierbarer wird das Risiko für dich. Denn wer nichts weiß, muss alles glauben.

Checke vor der OP ab, dass du später wohnortsnah mit guten Technikern und mit Audiotherapeuten zusammenarbeiten kannst. Denn dein erstes primäres Ziel nach der OP wird es sein, dass du versuchst, das „neue Hören“ anzunehmen. Dafür musst du dich dann intensiv mit der neuen Hörsituation auseinandersetzten. Versuche nicht ins Selbstmitleid zu verfallen und trauere nicht der Vergangenheit hinterher. Du musst akzeptieren, dass dein Gehör nie mehr so sein wird wie früher.

Das Gehirn ist aber unglaublich leistungsfähig und wird sich an den neuen akustischen Signaleingang gewöhnen. Und irgendwann – wenn du fleißig in der Reha bist und du regelmäßig geduldig an dir und deinem neuem Gehör arbeitest – irgendwann kann dir das neue Hören so vorkommen wie damals!

Beachte allerdings: Ein CI ist kein “Neuwagen”, in den man sich reinsetzt und gleich mit 200 km/h auf der Autobahn los brettern kann. Ein CI ist ein Neuwagen ohne Motor, denn der Motor bist du. Und du entscheidest, wie schnell es vorangeht – oder auch nicht!

Euer Sebastian Fehr, #fehrhoert

PS.: ich bin auch auf Facebook und Twitter unter dem Tag #fehrhoert zu finden und freue mich über Kommentare, tweets und likes!

Warum ich mich heuer wieder auf Silvester freue

0
Dez
28
fehrhoert
FeuerwerkInnsbruck

Der Silvesterabend ist für mich eigentlich immer der Abend des „nicht-tun-dürfen“ gewesen. Als meine Hörbehinderung noch nicht bekannt war, war ich zu jung für Raketen und Böller und durfte diese nicht anfassen. Und als ich alt genug dafür war, hat die jahrelange Gehirnwäsche der Ärzte und Eltern Früchte getragen: Als hörbehinderter Mensch müsste ich immer aufpassen. Denn wenn ein Böller neben mir hoch geht könnte ich ja ganz ertauben. Die Angst vor der Gehörlosigkeit war bei mir sehr groß und deshalb hörte ich ausnahmsweise auf die Warnungen der Erwachsenen. Ich durfte nicht in die laute Stadt gehen und akzeptierte das auch so.

Als meine Hörbehinderung und Gleichgewichtsschwäche vor ca. 15 Jahren diagnostiziert wurde – ich war gerade mal zarte 11 Jahre alt – war ich fortan vor allem für meine Mutter sowieso nur mehr ein wandelndes Pulverfass. Klar, sie sorgte sich um mich. Aber man wollte mir all die schönen Sachen verbieten, wie Turmspringen, Musizieren oder Musik via Kopfhörer hören (damals noch auf Disk- und Walkman, falls ihr noch wisst was das ist) oder auf Dachstühlen oder Bäumen herumklettern und vieles mehr. Klar war das alles für jemanden wie mich sehr gefährlich. Ich hatte auch schon eine lange Krankenakte mit mehreren Flickwunden und Knochenbrüchen. Aber man konnte mir doch nicht alles was Spaß macht verbieten? Meine Eltern erkannten irgendwann, dass für einen aufgeweckten Jungen wie mich all diese Verbote eher kontraproduktiv waren. Denn vieles davon habe ich eh trotzdem gemacht und ich wurde dann später nicht mehr dafür bestraft. Einen bösen Blick von meiner Mutter habe ich dafür trotzdem immer geerntet, inklusive Voraussagen über meine bevorstehende Taubheit.

Über Silvester bekam ich allerdings alle möglichen Horrorszenarien von meinen Ärzten und auch von meinen Eltern eingetrichtert. Dass jeder Knall das letzte Geräusch sein könnte, welches ich hören würde, waren da noch eine der glimpflichsten Schauergeschichten. Als Kind mochte ich Silvester noch wegen der Raketen und der Böller und wegen der Taschengeldaufbesserung am darauffolgenden Tag. Je älter ich aber wurde umso mehr Abneigung empfand ich gegen den Abend. Und nicht nur, weil mir der Jahreswechsel permanent miesgemacht wurde, sondern auch weil ich die Gefahr einsah und das Schicksal nicht herausfordern wollte. Raketen und Böller sind und waren laut und es gibt zahlreiche Menschen, die sich an diesem Abend verletzen. Ein Beispiel diesbezüglich, welches sich bei mir eingebrannt hat, war der Fall des Fußballprofis Georg Koch:

Georg Koch war 2008 Torhüter bei Rapid Wien. Beim Wiener Derby warf dann ein unbekannter Vollidiot einen Böller in Richtung Rapid-Tor. Der Knallkörper detonierte neben Koch und dieser musste daraufhin seine Karriere wegen einer Innenohrschädigung beenden. Genau vor einem ähnlichen Szenario hatte ich immer Angst, deswegen verbrachte ich den Abend am liebsten zu Hause. Aber ich blieb auch deswegen gerne zu Hause, weil ich in meiner Schul- und Jugendzeit wenig Freunde hatte, da ich als „anders“ und nicht als „normal“ galt. Aber das ist ein Thema für einen neuen Blog.

Wie sieht es heute aus? Heuer freue ich mich tatsächlich zum ersten Mal seit Ewigkeiten auf Silvester. Ich bin jetzt gehörlos. Und kann jetzt nur mehr Dank dem medizintechnischem Wunder Cochlea Implantat hören. Und dieses Hören ist anders wie früher – aber auch das ist ein Thema für einen weiteren Blog fürs neue Jahr. Ich habe heuer das Privileg, mein Gehör einfach „auszuschalten“, wenn mir Raketen und Co zu laut werden. Diesen „Vorteil“ haben Normalhörende nicht – dafür sind diese auf kein CI angewiesen.

Wie dem auch sei: Silvester ist für mich nun kein „Angst-Tag“ mehr. Ich weiß auch noch ehrlich gesagt nicht was ich am Silvesterabend mache: Vielleicht werfe ich mich ins Stadtgetümmel, vielleicht bleibe ich zu Hause. Eins weiß ich aber: Das Gehör kann mir kein Böller und keine Rakete mehr nehmen.

Und deswegen kann für mich Silvester künftig wieder ein Feiertag werden.

Ich wünsche euch allen viel Gesundheit und Erfolg im Jahr 2017.

Euer Sebastian Fehr, #fehrhoert

PS.: ich bin auch auf Facebook und Twitter unter dem Tag #fehrhoert zu finden und freue mich über Kommentare, tweets und likes!

Ändere die Situation oder Deine Einstellung

2
Nov
6
pialeven

All unser Handeln ist die Fortsetzung unserer Vergangenheit. Da wir nur aus dem gespeicherten Wissen heraus handeln können, sollten wir ab und an unsere Programmierung überprüfen, ob sich da nicht zu viele hinderliche Programme und falsche Verhaltensweisen eingeprägt, eingeschlichen haben, die ein Vorankommen unmöglich machen.

Ich brauche kein CI!

Immer wenn das Thema CI zur Sprache kam, habe ich sofort die Schotten dicht gemacht. „Ich brauche kein CI – mit meinen Hörgeräten komme ich super zu recht.“ Das war der Satz, den ich immer wieder sagte. Meine Schwerhörigkeit habe ich bisher immer sehr gut versteckt und Hörgeräte sind unauffälliger als ein CI. Ich wollte mich einfach nicht mit diesem Thema auseinandersetzen.

Von klein auf trage ich meine Hörgeräte und lebe damit ein normales Leben in der hörenden Welt. Doch vor noch nicht all zu langer Zeit stand ich völlig neben der Spur… Ich litt unter Panikattacken und fing an die Außenwelt zu meiden. Ich zog mich in meine Komfortzone zurück und kämpfte gegen die Angst. In dieser Zeit setzte ich mich mit mir auseinander, ich führte Gespräche und wollte einfach aus diesem Teufelskreis heraus. Ich hatte meine Grenzen weit überschritten! Aber seitdem öffnete ich mich mehr und mehr und war auch endlich bereit dazu, mich mit meiner Schwerhörigkeit auseinander zu setzen und somit auch mit dem Thema CI.

Entscheidungsseminar in Bad Nauheim

Im Juni wurde in der Median-Klinik Bad Nauheim ein Seminar zur Entscheidungsfindung: “Cochlea-Implantat: ja oder nein?” angeboten. Ein ganzes Wochenende lang beschäftigte ich mich nur mit diesem Thema und lernte alles rund um das CI. Wie funktioniert ein CI? Wie wird es implantiert? Welche Technik steckt dahinter? Welche Hersteller gibt es? Und und und…
Zusätzlich wurden Einzelgespräche geführt und Untersuchungen gemacht, ob man überhaupt ein Kandidat für das CI ist.
Im Laufe dieses Seminares wurde mir erst einmal bewusst, wie viel mir wirklich entgeht. Ich wusste ja schon vorher, dass ich hochgradig schwerhörig bin – aber dass mit meinem Hörgerät SO wenig bei mir ankommt war mir nie richtig klar. Ich bin Meister im Lippenlesen und Kombinieren, wie die meisten anderen Hörgeschädigten auch. Diese Erkenntnis kostete mich ein paar Tränen und ich musste zugeben, dass ich mir selber etwas vorgemacht habe. Ich erkannte auch, dass ich ständig unter enormen Druck stehe, um alles zu verstehen. Ich merkte das vorher auch schon, aber ich gönnte mir nie eine Pause. Eigentlich bin ich mit dem Gedanken nach Bad Nauheim gefahren – „Mich einfach mal zu informieren schadet nicht“. Aber dass ich so schnell mit einer anderen Einstellung zum CI wieder nach Hause fahre, habe ich nicht erwartet. Ich betrachtete meine Schwerhörigkeit und das CI mit ganz neuen Blickwinkeln. Ich bin gar nicht mehr so abgeneigt von einem CI.

Die Lebensqualität ist das DAS was zählt!

Seit diesem Seminar pflegte ich intensiv den Kontakt zu Gleichgesinnten und nahm an Selbsthilfe-Gruppen teil und lernte somit immer mehr neue Leute kennen. Ich entwickelte immer mehr Vertrauen zum CI und merkte einfach, wie glücklich sie alle sind! Ich muss zugeben, dass ich in gewisser Maßen sehr eitel bin. Ich dachte immer… “Dieses CI am Kopf sieht doch sehr befremdlich aus.“ Aber wenn man das ganze einmal anders hinterfragt – macht es Dich attraktiver, wenn Du jemanden so unglaublich konzentriert anstarrst??? Oder jeden Abend völlig erschöpft und viel zu früh ins Bett fällst??? – NEIN – Ich glaube, mit einem CI steigert sich die Lebensqualität und man ist viel entspannter und fühlt sich wieder mitten drin. Und DAS ist für mich viel wichtiger!

Die Zeitspanne von Juni bis heute war für mich eine sehr intensive Zeit und es ist noch lange nicht zu Ende… Ich lernte so viel Neues dazu und fange an, zu meiner Schwerhörigkeit zu stehen und die Hilfe anzunehmen, die mir geboten wird. Anfang dieses Jahres hätte ich nicht im Geringsten geglaubt, dass ich noch dieses Jahr ein CI bekommen werde. Aber doch – in wenigen Tagen steht meine erste CI-Operation an und ich bin stolz darauf, diesen Schritt zu gehen!

Ich bin auf diese Veränderung gespannt und werde sicherlich davon erzählen. 🙂