Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Junge Selbsthilfe goes Berlin

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Die Blogwerkstatt 7 soll in der Hauptstadt stattfinden

Die Blogwerkstatt 5 vor Augen, die Blogwerkstatt 6 in St. Jakob im März 2018 (17.03.-24.03.2018) fest eingeplant, beschäftigen wir uns hinter den Kulissen bereits mit der Blogwerkstatt 7, welche in Kooperation mit der BBCIG e.V. im Herbst 2018 in Berlin stattfinden soll. Die Junge Selbsthilfe der DCIG lebt wie nie zuvor und das Engagement kennt keine Grenzen. Die ersten regionalen Untergruppen von Deaf-Ohr-Alive sind gegründet und ein Ende ist zum Glück nicht in Sicht. Immer mehr junge Aktive fordern, in die Planungen und die Konzeption weiterer Events involviert zu werden.

Jetzt habt IHR die Chance!

Gestaltet die Blogwerkstatt 7 in Berlin aktiv mit und bringt eure Ideen und Wünsche ein. Wir suchen eine Projektgruppe von etwa 5 Personen. Meldet euch bei Interesse direkt bei: oliver.hupka@dcig.de

WIR SIND DIE DCIG – WIR SIND DIE JUNGE SELBSTHILFE – WIR SIND DEAF-OHR-ALIVE

Sinneserweiterung, die zweite

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Mai
22
Norma

Meine Kurzhörbiografie: Von Geburt an auf beiden Seiten an Taubheit grenzend schwerhörig und viele Jahre lang zwei Hörgeräte getragen. Davon jetzt über elf Jahre mit einem Cochlea-Implantat (CI). Lange, lange Zeit damit zufrieden gewesen. Das Hörgerät auf der nichtimplantierten Seite ist irgendwann in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden, da es partout nicht mit dem CI mithalten geschweige denn harmonieren wollte.

Die Folge dessen: Ich bin das Hören allein mit dem einen CI gewohnt. Dolby Surround kannte ich eh noch nie. Mit dem CI aber kann ich Sprache, Geräusche und Musik viel klarer erfassen als früher mit Hörgeräten – das war für mich die pure Sinneserweiterung. Die Welt ist seitdem viel farbenfroher geworden, war sie zuvor noch ein Schwarz-Weiß-Bild.

Lange Zeit empfand ich es ausreichend. Hatte nicht das Gefühl, da könnte mehr möglich sein. „Mehr“ hatte ich schließlich noch nie erlebt und hätte ich auch nicht zu träumen gewagt. Zudem habe ich mich daran gewöhnt, dass mein eines Ohr – so „nutzlos“ es sein mag – frei ist. Kein Gerät, das es tragen muss. Haare kann ich problemlos dahinter streichen. Kann mich auf die freie Seite legen, ohne dass etwas drückt. Ein Stückchen gefühlte persönliche Freiheit.

Klingt das verrückt?

Doch nun hat sich etwas geändert. Es war keine einzelne bestimmte Situation, wo es bei mir “Klick” machte, wie ich es von anderen gelesen habe. Sondern vielmehr verschiedene Momente, in denen ich dachte: Was wäre, wenn…

Was wäre, wenn ich ein zweites CI hätte? Könnte ich in dem Gespräch mit meinen zwei Kollegen, die schnell miteinander reden, mehr mitbekommen? Könnte ich die Lautsprecherdurchsagen auf dem Bahnhof oder im Zug einfacher verstehen? Könnte ich der Gruppenunterhaltung mit Freunden beim Bowlen oder in der Bar besser folgen? Könnte ich die Richtung, aus welcher der Ruf kam, schneller orten?

Könnte ich tatsächlich noch mehr hören, als ich je in meinem Leben gewohnt war?

Diese Vorstellung gibt mir Gänsehaut. Plötzlich mache ich mir täglich Gedanken über das zweite CI. Kann mir immer mehr vorstellen, dass ich den Schritt (erneut) wagen würde. Dass ich noch einmal die Operation über mich ergehen lassen würde. Die ganzen Strapazen von Krankenhausaufenthalt, Heilungsprozess, Anpassung, Geduldsübungen und Hörtraining – vor allem jede Menge Hörtraining, tagein, tagaus, über Wochen und Monate. Vor ein oder zwei Jahren noch hätte ich mich dagegen gesträubt. Mich zu sehr auf das Risiko der OP fixiert, nicht noch ein Implantat gewollt (fühle mich jetzt schon manchmal wie ein Cyborg). Und vielleicht kann der eine oder andere das auch nachvollziehen, wie schön ein “freies” Ohr sein kann.

Ich bin einfach ein starkes Gewohnheitstier und bei Veränderungen sehr vorsichtig. Deswegen fällt mir das nicht so leicht.

Während dieser Entscheidungsfindung habe ich mich im Internet erkundigt, was Gleichgesinnte über ihr zweites CI berichten und welche Kliniken in Frage kommen könnten. Habe mich um ein neues Hörgerät gekümmert, nur um festzustellen, dass da natürlich kaum etwas ankommt auf dem nichtimplantierten Ohr. Von Sprachverständnis fehlt jede Spur. Immerhin ein klein wenig Richtungshören gewonnen und jetzt umso stärker den Wunsch, auch auf der “freien” Seite mehr Input zu erhalten. Habe mich außerdem mit ein paar Personen, die beidseitig versorgt sind, darüber unterhalten. Das alles sehr geholfen, den Gedanken über das zweite CI reifen zu lassen.

Wenn ich nun heute in mich hineinhorche (dazu muss man nicht mal hören können ;)), dann kann ich feststellen:

Ja, ich will ein zweites CI. Ich will sehen, beziehungsweise “hören”, was mit einem zweiten Cochlea-Implantat noch möglich ist.

Nun gilt es, die Klinik anzuhauen und das Ganze ins Rollen zu bringen. Und ich denke, es war irgendwie auch gut, sich hiermit viel Zeit zu lassen. Vielleicht mag manch einer sagen, das hätte ich viel früher machen müssen/können/sollen. Dennoch ist es für mich auch wichtig, das Gefühl zu haben, dafür bereit zu sein. Ein CI bedeutet viel Arbeit und das darf nicht unterschätzt werden!

Es gibt auch ein schönes Zitat, das mich in meiner Entscheidung bestärkt. Leider finde ich den Urheber nicht. Es lautet:

Don’t be afraid of change. You may lose something good, but you may gain something better.

DCIG Blogwerkstatt 5 – seid ihr dabei?

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Junge Selbsthilfe: Im Fokus: Wir!

Tanztheater für hörgeschädigte Menschen

28. Oktober – 01. November 2017 | Jugendherberge Kassel (Schenkendorfstraße)
Du hast Spaß an Bewegung und Musik? Du hast Ideen und möchtest sie im künstlerischen Ausdruck umsetzen? Du hast Lust, Geschichten zu erfinden und Dich darin auszudrücken? Du möchtest gerne mit Dir und anderen Grenzen ausloten und auch überschreiten? Du bist offen für das, was sich in der Gruppe ergibt?

Dann bist Du hier genau richtig. Wir möchten mit Euch musikalische und tänzerische  Möglichkeiten entdecken. Wir möchten mit Euch gemeinsam Szenen erarbeiten, die Eure Bilder, Phantasien, Träume, Wünsche, Erlebnisse tänzerisch und musikalisch ausdrücken. Wir möchten mit Euch Euer eigenes Tanztheaterprojekt entwickeln. Elemente aus Tanz und Musik sind Mittel um Ausgangspunkte zu schaffen und Geschichten zu erzählen.
Was entsteht, entsteht aus der Phantasie der Akteure und ihrem Spiel mit den Mitteln aus Musik, Stimme, Bewegung, Begegnung. Ästhetik und Ausdruck stehen im Einklang mit dem Geschehen und nehmen Akteure und Zuschauer mit.
Wir arbeiten mit dem Staatstheater Kassel zusammen, das sich schon bei unserer ersten Anfrage von unserer Idee in den Bann ziehen ließ. Für unsere Arbeit stehen uns die Probebühnen dort zur Verfügung, und wir lernen professionellen Tänzer der Tanzkompanie des Theaters kennen.

Voraussetzung: Offenheit, Lust an der gemeinsamen Arbeit, Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen.
Keine musikalischen oder tänzerischen Vorkenntnisse erforderlich!

“Wie wird’s verständlich?” – Ein Wochenende

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Mrz
6
martinabauer

Bereits auf dem Rückweg von der Blogwerkstatt 3 schwirrte mir so allerlei im Kopf herum, wie man diese tolle Gemeinschaft von jungen Leuten auch in Baden-Württemberg zusammenbringen kann. Kurz entschlossen unternahm ich noch im Zug erste Planungen. Schon wenige Tage später sagte mir Jana als Referentin zu, Ulrike kümmerte sich um die Unterkunft und so begann das Workshop-Wochenende Gestalt anzunehmen.

Herausgekommen ist ein Angebot für junge Erwachsene, die im Studium oder Berufsleben mit ihrer Hörschädigung zurechtkommen wollen. Wie kommuniziere ich mit meinem Umfeld, wie verhalte ich mich im Bewerbungsgespräch usw. Das sind Fragen, die wir beantworten wollen.
Und natürlich soll auch der Spaß nicht zu kurz kommen… Schon mal was von Tiefseilgarten gehört? Und wer möchte, kann sich auch beim Kochen und beim Einstudieren eines Gebärdenliedes versuchen. Und das alles in netter Location im Schwarzwald.

Hier findet Ihr die Einladung mit allen Infos. Das Anmeldeformular also einfach gleich ausfüllen und uns schicken. Wir freuen uns auf Euch, gerne auch auf Teilnehmer aus anderen Regionalverbänden!
(Anmeldung bitte bis zum 31.03.2017)

Das Team „Junge Selbsthilfe“ aus BaWü 🙂

@Martina, @Tobias, Ulrike, Steffi

Aufbruch in das Abenteuer CI – der große Tag ist da

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Feb
27
ursulasoyez
Plakat in München-Solln (29.9.2016)

Dieser Beitrag entstand gestern, da konnte ich ihn aber noch nicht hochladen. Heute kommt ein “Vorspann” hinzu: Seit gut acht Stunden habe ich nun meinen “Knopf am Kopf” und juhu, von links kommt wieder etwas in meinem Hörzentrum an! Töne wie aus einer anderen Welt. Das Verstehen wird kommen, da bin ich sicher. Bis dahin höre ich mich ein auf dem Planeten der hochfrequentischen Roboter-Micky-Mäuse. Und genieße, dass ich erstmals seit fast zehn Jahren ein Gefühl von “Raumklang” habe. Schön, dass ich hier dabei sein darf!  Viele Grüße, Ursula

26. Februar 2017- Morgen ist der große Tag

Ich bin weit gekommen im letzten halben Jahr. Mitte Juli 2016 fuhr ich nach Bad Nauheim zur Reha in der Median Kaiserberg-Klinik, ein Cochlea Implantat konnte ich mir zu dem Zeitpunkt gar nicht vorstellen, Gedanken daran schob ich immer weit von mir. Nach fünf Wochen dort sagte ich im Abschlussgespräch mit der Ärztin erstmals laut den Satz „Ich will ein CI“. Nur um sofort danach in Tränen auszubrechen. Vor Erleichterung – und weil es ein Versprechen an mich selbst war. Es war ein Riesenschritt. Und fühlte sich bald an wie eine Befreiung. Endlich eine neue Perspektive. Im Sommer 2007 war mein Gehör links abgestürzt. Das war zunächst ein Schock und bald einfach die neue, etwas anstrengendere Normalität. Aber als sich dann im Herbst 2013 eine Erkältung auf das rechte Ohr setzte und dieses nach Monaten des Auf und Ab im Frühjahr 2014 komplett abstürzte, stürzte für mich damit auch eine Welt ein. Mit einem Hörgerät im rechten Ohr und – wie ich mittlerweile weiß –  purer Willenskraft bewältigte ich den Alltag wieder, aber die Erschöpfung wuchs und wuchs. Die Reha in Bad Nauheim war meine Reißleine. Zum Glück.

Morgen nun ist der große Tag. Mein Cochlea Implantat wird eingeschaltet. Interessanterweise bin ich bislang nicht wirklich aufgeregt, einfach nur gespannt und neugierig. Mittlerweile sind mehr als fünf Wochen seit der OP am 19. Januar vergangen, und auch die Nachwehen verblassen zum Glück so langsam. Die OP selbst habe ich ja gut überstanden, kein Schwindel, keine Übelkeit, Schmerzmittel nur die ersten beiden Tage, die Wunde ist gut geheilt. Die Nachwehen holten mich erst zuhause ein. Gut eine Woche nach der OP wurde ich seekrank – ganz ohne Schiff. So elend war mit noch nie in meinem Leben zumute, ich war sogar nochmal drei Tage stationär in der Klinik. Das linke Gleichgewichtsorgan hatte anscheinend gemerkt, dass es doch beleidigt war… Dank Gleichgewichtstraining ist der Schwindel mittlerweile viel besser, sogar Fahrradfahren geht wieder. Spülmaschine ausräumen dagegen nicht, das muss mein Mann machen (alles hat seine Vorteile).

Das Hören selbst war in den letzten fünf Wochen nur geringfügig anders als vor der OP. Ich gehe ja schon lange einohrig durch’s Leben. Allerdings habe ich festgestellt, dass vom linken Ohr in meinem Hörzentrum bis zur OP wohl doch noch etwas „angekommen“ ist. Tiefe Frequenzen. Denn das Motorengeräusch im Auto klingt jetzt anderes. Der Straßenlärm auch etwas. Das kuschlige Rascheln der Daunendecke abends, wenn das Hörgerät schon in seiner Trockenbox steckt, ist noch leiser geworden und darüber bin ich etwas traurig. Wieder ein Loslassen.

Dafür kommen ab morgen wieder andere, neue Geräusche in mein Leben. Ich bin gespannt auf diese Hörreise. Ich bin dankbar für meine Mitreisenden. Als ich im September zum Informationsgespräch in das Martha-Maria-Krankenhaus nach München gefahren bin, musste ich laut auflachen, als ich auf einer Wiese gegenüber des Klinikgeländes folgendes Plakat sah (bis heute habe ich keine Ahnung, wofür es warb): “Dive into an experience reserved for the chosen few.” Ich nahm es als Wink mit dem Zaunpfahl und ein gutes Omen. Jetzt freue ich mich auf das Eintauchen in das neue Abenteuer Hören mit CI!

Cochlea Implantat – ja oder nein?

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Jan
2
fehrhoert

An alle Schwerhörige und potenzielle CI-Kandidaten, welche vor der Frage stehen:

Soll ich mir nun ein CI machen lassen oder nicht?

Wichtig ist, dass du dich ganz emotionslos sowie so rational und sachlich wie möglich an die Materie Cochlea Implantat heranwagst. Zuerst musst du dich fragen, ob du zufrieden mit deiner derzeitigen Lebensqualität bist. Hörst du für dich genug? Bist du zufrieden mit deiner Hörleistung? Wie sehen es deine Familie und Freunde?

Wenn du mit deiner derzeitigen Situation zufrieden bist, passt eh alles und du brauchst nichts verändern. Wenn du allerdings unzufrieden bist, dann musst DU an DIR was ändern, denn die Situation lässt sich leider nicht verändern.

Wenn du nun etwas an dir verändern willst, solltest du dir vorher so viele Informationen wie möglich darüber einholen, was dich erwarten kann. Denn je mehr Input du dir über die Materie Cochlea Implantat bekommst und je mehr du über die OP  weißt, umso weniger musst du dich auf andere verlassen und desto kalkulierbarer wird das Risiko für dich. Denn wer nichts weiß, muss alles glauben.

Checke vor der OP ab, dass du später wohnortsnah mit guten Technikern und mit Audiotherapeuten zusammenarbeiten kannst. Denn dein erstes primäres Ziel nach der OP wird es sein, dass du versuchst, das „neue Hören“ anzunehmen. Dafür musst du dich dann intensiv mit der neuen Hörsituation auseinandersetzten. Versuche nicht ins Selbstmitleid zu verfallen und trauere nicht der Vergangenheit hinterher. Du musst akzeptieren, dass dein Gehör nie mehr so sein wird wie früher.

Das Gehirn ist aber unglaublich leistungsfähig und wird sich an den neuen akustischen Signaleingang gewöhnen. Und irgendwann – wenn du fleißig in der Reha bist und du regelmäßig geduldig an dir und deinem neuem Gehör arbeitest – irgendwann kann dir das neue Hören so vorkommen wie damals!

Beachte allerdings: Ein CI ist kein “Neuwagen”, in den man sich reinsetzt und gleich mit 200 km/h auf der Autobahn los brettern kann. Ein CI ist ein Neuwagen ohne Motor, denn der Motor bist du. Und du entscheidest, wie schnell es vorangeht – oder auch nicht!

Euer Sebastian Fehr, #fehrhoert

PS.: ich bin auch auf Facebook und Twitter unter dem Tag #fehrhoert zu finden und freue mich über Kommentare, tweets und likes!

Warum ich mich heuer wieder auf Silvester freue

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Dez
28
fehrhoert
FeuerwerkInnsbruck

Der Silvesterabend ist für mich eigentlich immer der Abend des „nicht-tun-dürfen“ gewesen. Als meine Hörbehinderung noch nicht bekannt war, war ich zu jung für Raketen und Böller und durfte diese nicht anfassen. Und als ich alt genug dafür war, hat die jahrelange Gehirnwäsche der Ärzte und Eltern Früchte getragen: Als hörbehinderter Mensch müsste ich immer aufpassen. Denn wenn ein Böller neben mir hoch geht könnte ich ja ganz ertauben. Die Angst vor der Gehörlosigkeit war bei mir sehr groß und deshalb hörte ich ausnahmsweise auf die Warnungen der Erwachsenen. Ich durfte nicht in die laute Stadt gehen und akzeptierte das auch so.

Als meine Hörbehinderung und Gleichgewichtsschwäche vor ca. 15 Jahren diagnostiziert wurde – ich war gerade mal zarte 11 Jahre alt – war ich fortan vor allem für meine Mutter sowieso nur mehr ein wandelndes Pulverfass. Klar, sie sorgte sich um mich. Aber man wollte mir all die schönen Sachen verbieten, wie Turmspringen, Musizieren oder Musik via Kopfhörer hören (damals noch auf Disk- und Walkman, falls ihr noch wisst was das ist) oder auf Dachstühlen oder Bäumen herumklettern und vieles mehr. Klar war das alles für jemanden wie mich sehr gefährlich. Ich hatte auch schon eine lange Krankenakte mit mehreren Flickwunden und Knochenbrüchen. Aber man konnte mir doch nicht alles was Spaß macht verbieten? Meine Eltern erkannten irgendwann, dass für einen aufgeweckten Jungen wie mich all diese Verbote eher kontraproduktiv waren. Denn vieles davon habe ich eh trotzdem gemacht und ich wurde dann später nicht mehr dafür bestraft. Einen bösen Blick von meiner Mutter habe ich dafür trotzdem immer geerntet, inklusive Voraussagen über meine bevorstehende Taubheit.

Über Silvester bekam ich allerdings alle möglichen Horrorszenarien von meinen Ärzten und auch von meinen Eltern eingetrichtert. Dass jeder Knall das letzte Geräusch sein könnte, welches ich hören würde, waren da noch eine der glimpflichsten Schauergeschichten. Als Kind mochte ich Silvester noch wegen der Raketen und der Böller und wegen der Taschengeldaufbesserung am darauffolgenden Tag. Je älter ich aber wurde umso mehr Abneigung empfand ich gegen den Abend. Und nicht nur, weil mir der Jahreswechsel permanent miesgemacht wurde, sondern auch weil ich die Gefahr einsah und das Schicksal nicht herausfordern wollte. Raketen und Böller sind und waren laut und es gibt zahlreiche Menschen, die sich an diesem Abend verletzen. Ein Beispiel diesbezüglich, welches sich bei mir eingebrannt hat, war der Fall des Fußballprofis Georg Koch:

Georg Koch war 2008 Torhüter bei Rapid Wien. Beim Wiener Derby warf dann ein unbekannter Vollidiot einen Böller in Richtung Rapid-Tor. Der Knallkörper detonierte neben Koch und dieser musste daraufhin seine Karriere wegen einer Innenohrschädigung beenden. Genau vor einem ähnlichen Szenario hatte ich immer Angst, deswegen verbrachte ich den Abend am liebsten zu Hause. Aber ich blieb auch deswegen gerne zu Hause, weil ich in meiner Schul- und Jugendzeit wenig Freunde hatte, da ich als „anders“ und nicht als „normal“ galt. Aber das ist ein Thema für einen neuen Blog.

Wie sieht es heute aus? Heuer freue ich mich tatsächlich zum ersten Mal seit Ewigkeiten auf Silvester. Ich bin jetzt gehörlos. Und kann jetzt nur mehr Dank dem medizintechnischem Wunder Cochlea Implantat hören. Und dieses Hören ist anders wie früher – aber auch das ist ein Thema für einen weiteren Blog fürs neue Jahr. Ich habe heuer das Privileg, mein Gehör einfach „auszuschalten“, wenn mir Raketen und Co zu laut werden. Diesen „Vorteil“ haben Normalhörende nicht – dafür sind diese auf kein CI angewiesen.

Wie dem auch sei: Silvester ist für mich nun kein „Angst-Tag“ mehr. Ich weiß auch noch ehrlich gesagt nicht was ich am Silvesterabend mache: Vielleicht werfe ich mich ins Stadtgetümmel, vielleicht bleibe ich zu Hause. Eins weiß ich aber: Das Gehör kann mir kein Böller und keine Rakete mehr nehmen.

Und deswegen kann für mich Silvester künftig wieder ein Feiertag werden.

Ich wünsche euch allen viel Gesundheit und Erfolg im Jahr 2017.

Euer Sebastian Fehr, #fehrhoert

PS.: ich bin auch auf Facebook und Twitter unter dem Tag #fehrhoert zu finden und freue mich über Kommentare, tweets und likes!

Ändere die Situation oder Deine Einstellung

2
Nov
6
pialeven

All unser Handeln ist die Fortsetzung unserer Vergangenheit. Da wir nur aus dem gespeicherten Wissen heraus handeln können, sollten wir ab und an unsere Programmierung überprüfen, ob sich da nicht zu viele hinderliche Programme und falsche Verhaltensweisen eingeprägt, eingeschlichen haben, die ein Vorankommen unmöglich machen.

Ich brauche kein CI!

Immer wenn das Thema CI zur Sprache kam, habe ich sofort die Schotten dicht gemacht. „Ich brauche kein CI – mit meinen Hörgeräten komme ich super zu recht.“ Das war der Satz, den ich immer wieder sagte. Meine Schwerhörigkeit habe ich bisher immer sehr gut versteckt und Hörgeräte sind unauffälliger als ein CI. Ich wollte mich einfach nicht mit diesem Thema auseinandersetzen.

Von klein auf trage ich meine Hörgeräte und lebe damit ein normales Leben in der hörenden Welt. Doch vor noch nicht all zu langer Zeit stand ich völlig neben der Spur… Ich litt unter Panikattacken und fing an die Außenwelt zu meiden. Ich zog mich in meine Komfortzone zurück und kämpfte gegen die Angst. In dieser Zeit setzte ich mich mit mir auseinander, ich führte Gespräche und wollte einfach aus diesem Teufelskreis heraus. Ich hatte meine Grenzen weit überschritten! Aber seitdem öffnete ich mich mehr und mehr und war auch endlich bereit dazu, mich mit meiner Schwerhörigkeit auseinander zu setzen und somit auch mit dem Thema CI.

Entscheidungsseminar in Bad Nauheim

Im Juni wurde in der Median-Klinik Bad Nauheim ein Seminar zur Entscheidungsfindung: “Cochlea-Implantat: ja oder nein?” angeboten. Ein ganzes Wochenende lang beschäftigte ich mich nur mit diesem Thema und lernte alles rund um das CI. Wie funktioniert ein CI? Wie wird es implantiert? Welche Technik steckt dahinter? Welche Hersteller gibt es? Und und und…
Zusätzlich wurden Einzelgespräche geführt und Untersuchungen gemacht, ob man überhaupt ein Kandidat für das CI ist.
Im Laufe dieses Seminares wurde mir erst einmal bewusst, wie viel mir wirklich entgeht. Ich wusste ja schon vorher, dass ich hochgradig schwerhörig bin – aber dass mit meinem Hörgerät SO wenig bei mir ankommt war mir nie richtig klar. Ich bin Meister im Lippenlesen und Kombinieren, wie die meisten anderen Hörgeschädigten auch. Diese Erkenntnis kostete mich ein paar Tränen und ich musste zugeben, dass ich mir selber etwas vorgemacht habe. Ich erkannte auch, dass ich ständig unter enormen Druck stehe, um alles zu verstehen. Ich merkte das vorher auch schon, aber ich gönnte mir nie eine Pause. Eigentlich bin ich mit dem Gedanken nach Bad Nauheim gefahren – „Mich einfach mal zu informieren schadet nicht“. Aber dass ich so schnell mit einer anderen Einstellung zum CI wieder nach Hause fahre, habe ich nicht erwartet. Ich betrachtete meine Schwerhörigkeit und das CI mit ganz neuen Blickwinkeln. Ich bin gar nicht mehr so abgeneigt von einem CI.

Die Lebensqualität ist das DAS was zählt!

Seit diesem Seminar pflegte ich intensiv den Kontakt zu Gleichgesinnten und nahm an Selbsthilfe-Gruppen teil und lernte somit immer mehr neue Leute kennen. Ich entwickelte immer mehr Vertrauen zum CI und merkte einfach, wie glücklich sie alle sind! Ich muss zugeben, dass ich in gewisser Maßen sehr eitel bin. Ich dachte immer… “Dieses CI am Kopf sieht doch sehr befremdlich aus.“ Aber wenn man das ganze einmal anders hinterfragt – macht es Dich attraktiver, wenn Du jemanden so unglaublich konzentriert anstarrst??? Oder jeden Abend völlig erschöpft und viel zu früh ins Bett fällst??? – NEIN – Ich glaube, mit einem CI steigert sich die Lebensqualität und man ist viel entspannter und fühlt sich wieder mitten drin. Und DAS ist für mich viel wichtiger!

Die Zeitspanne von Juni bis heute war für mich eine sehr intensive Zeit und es ist noch lange nicht zu Ende… Ich lernte so viel Neues dazu und fange an, zu meiner Schwerhörigkeit zu stehen und die Hilfe anzunehmen, die mir geboten wird. Anfang dieses Jahres hätte ich nicht im Geringsten geglaubt, dass ich noch dieses Jahr ein CI bekommen werde. Aber doch – in wenigen Tagen steht meine erste CI-Operation an und ich bin stolz darauf, diesen Schritt zu gehen!

Ich bin auf diese Veränderung gespannt und werde sicherlich davon erzählen. 🙂

“Ich hatte keine Ahnung!”

7
Sep
9
pialeven

Blogwerkstatt 3

Seit Wochen freute ich mich schon auf diese Tage in Diez. Ich wusste überhaupt nicht was mich dort erwartete und war gespannt darauf. Ich war zum ersten mal dabei und somit bin ich auf einen Haufen fremder Menschen gestoßen. Aber ich fühlte mich nicht lange fremd, denn alle waren sehr aufgeschlossen und kontaktfreudig. Außerdem sind wir alle vom selben Stern und hatten etwas gemeinsam! 🙂

Peer counseling: Beratung oder Austausch durch gleichgesinnte Mitmenschen.

Für mich bedeuteten diese Tage in Diez sehr viel! Es tut immer gut, wenn man sich mit Gleichgesinnten austauschen kann. Ich fühlte mich plötzlich besser verstanden und dieses Gefühl, man ist nicht allein mit all den Problemen, machte mich stärker! Ich befand mich zu dem Zeitpunkt in der Endscheidungsphase „Lasse ich mir CIs implantieren oder nicht?“ Der größte Teil der Teilnehmer waren CI-Träger und somit konnte ich all meine Fragen loswerden und mir verschiedene Ratschläge einholen. Jetzt steht meine Entscheidung:

JA ICH WERDE ES MACHEN! Der vielfältige Austausch hat mir sehr geholfen und mir nur noch mehr Mut gemacht, dazu zu stehen und den Schritt zu wagen.

Fun and more!

Abgesehen davon, dass ich großartige Menschen kennen gelernt habe und mit allen eine Menge Spaß gehabt habe – Sei es beim Bogenschießen gewesen oder beim Floßbau oder bei den lustigen Abenden im Innenhof, habe ich in den vielen Workshops viel neues gelernt. Aus jedem einzelnen Workshop konnte ich etwas für mich selbst mit nach Hause nehmen. Sei es für mein privates Leben oder für meinen beruflichen Weg. Man muss seine Grenzen kennen lernen und auch akzeptieren können. UND man sollte auch immer offen für etwas neues sein. Bisher hatte ich mit Gebärdensprache nichts am Hut ( ICH HATTE KEINE AHNUNG! 😉 ). Auf der Blogwerkstatt 3 habe ich mich zum ersten mal damit beschäftigt und musste feststellen, was für eine außergewöhnlich coole Sprache das ist. Es lohnt sich immer wieder über seinen eigenen Schatten zu springen und etwas neues auszuprobieren.

Coming Back

Die Blogwerkstatt 3 in Diez hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, wie wichtig es für mich ist den Kontakt zu Gleichgesinnten zu pflegen. Es steht fest, dass ich in jedem Fall immer wieder dabei sein werde! 🙂

 

Liebste Grüße

Die Pia

Aufbruch in eine neue (Hör)Welt?

4
Apr
13
sandy

Anfang März: In meiner neuen Bleibe, eine Mädels-WG, liegt nach einem anstrengenden Arbeitstag im Flur mein Poststapel. Unter anderem auch ein dicker großer DIN A 4 Brief von meinem Kostenträger der REHA. Zusage, Absage? Schnell wird der Brief geöffnet und siehe da: positiver Bescheid über 3 Wochen Reha! Ungläubig lese ich den Bescheid gefühlte 100x, bevor ich laut schreie und im Flur auf und ab hüpfe. Meine WG-Mädels freuen sich mit und werden heftig gedrückt, bevor ich meinen Eltern die positive Neuigkeit am Telefon mitteile.

Ostern: Post von der Reha Einrichtung direkt: Ab den 14.04. geht es los. Ein komisches Gefühl überkommt mich: So früh schon? Ich habe ja keine Zeit mich richtig darauf einzustellen! Was wird aus meinen Resturlaub aus 2015? Schafft meine Kollegin die Arbeit alleine? Und Himmel, ich wollte doch noch meinen Geburtstag nachfeiern mit meinen Freunden!

Ich musste mich erst mal setzen und meinen Gedanken freien Lauf lassen. 2 Wochen und dann soll ich schon auf der Reha sein. Und vorher muss irgendwie noch Resturlaub genommen werden, sonst verfällt dieser. Panik steigt in mir auf. Was ist mit der Arbeit? Schaffe ich es in 1 Woche alles zu managen? Und an meinen Geburtstag wollte ich doch auch früher Feierabend machen und mir einen schönen Tag machen!

Erst mal informiere ich meine Eltern und meinen Freund, alle freuen sich für mich und auch ich bekomme langsam Gefallen daran, auf der Reha zu sein. 3 Wochen, die nur meinen Ohren gehören. 3 Wochen raus aus dem Alltag, 3 Wochen Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten. Und vorallem 3 Wochen, die nur mir selbst gehören.

Anfang April: In der Früh lasse ich mir Zeit, bis ich in der Arbeit bin, der letzte Arbeitstag. Packe noch die letzten Sachen ein für die Reha. Schaue aus meinen Fenster in den großen Innenhof und entdecke einen Wildhasen, die bei unserem Stadtviertel öfters mal herumhoppeln. Ich werde wehmütig, die Stadt, wo ich erst seit kurzem wohne, die Hasen, die Mädels in der WG, meine Familie und ja auch die Arbeit und meine Arbeitskollegen werde ich vermissen!  Es fühlt sich an, wie Abschied nehmen. Abschied von mir selber. Werde ich nach der Reha die gleiche Person wie jetzt sein? Inwiefern werde ich mich selbst verändern? Werde ich noch offener mit meinen Hörschädigung umgehen? Werde ich danach noch mehr Blut geleckt haben, noch besser verstehen/hören zu wollen? Und ist das unbedingt gut, noch mehr zu wollen? Meine eigenen gesteckten Ziele habe ich erreicht, das reicht doch und ich bin unfassbar stolz was ich schon geschafft habe. Werden die Therapeuten vor allem noch mehr als ich wollen?  Und überhaupt, wie wird die Reha meine Ohren verändern? Werde ich in dieser Zeit zu ehrgeizig, dass ich danach enttäuscht bin, nicht alles erreicht zu haben?

Mit meinen großen Rucksack bin ich auf dem Weg zur S-Bahn Station, um auf die Arbeit zu gelangen. Eine seltsame Ruhe überkommt mich. Ist diese Reha in irgendeiner Weise ein neuer Start? Werde ich etwas dadurch verändern, was an mir nagt und werde ich noch positiver dem Leben gegenüber stehen?

Am letzten Arbeitstag bin ich ruhiger als sonst, da mich die Frage beschäftigt, inwieweit man meine Arbeitssituation in Bezug auf meine Ohren verbessern könnte. Und wie ich nach der Reha, die Arbeit erledigen werde. Wird sich überhaupt etwas ändern? Der Abschied von meinen Arbeitskollegen fällt mir schwer, da wir uns alle sehr gut verstehen.

Der letzte Blick auf meine Arbeitsstelle. Bus, S-Bahn und 2 Züge bis ich endlich bei meinem Freund, der etwas weiter weg wohnt, ankomme. 3 Tage Urlaub verbringe ich bei ihm, um genug Kraft zu tanken für die Reha. Und ich bin heilfroh, dass er mich an dem ersten Wochenende besuchen will.

Morgen geht es schon los. Ein guter Bekannter wird mich vom Bahnhof abholen. Gottseidank kenne ich zumindest schon einen, der auch dort ist und werde mich nicht alleine fühlen.

In dem Sinne: Es wird schon alles werden und ich denke ein paar Gedanken werden sich auch in Luft auflösen. Und wenn ich mich dennoch einsam fühlen werde, werde ich einfach meine Eltern oder meine Oma anrufen und mir ein bisschen Familie in die Reha holen. Und mich auf das große Wiedersehen freuen, auf meine Familie, Freunde und meine Hasen 😉 !