Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Vom Zauber des Zuhörens…

2
Jan
18
madeleine

“Momo konnte so zuhören, dass den Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen . Nicht etwa weil sie etwas sagte oder fragte, nein sie saß einfach nur da und hörte einfach zu mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme”

Diesen Ausschnitt aus Michael Ende’s Bestseller Momo lese ich besonders gerne..

Gut zuhören können, ist eine Fähigkeit die in unserer Gesellschaft leider nicht mehr viele beherrschen, selbst unter den “Guthörenden”.

Ich denke da an die Zeit zurück in der ich noch etwas besser hörte, Gespräche liefen da mal so “nebenbei”, die kurze Unterhaltung beim Bäcker oder die Bestellung im Café, es war eben selbstverständlich.

Heute höre ich häufig Sätze wie: “ du bist so ein toller Gesprächspartner”, oder “mit dir unterhalte ich mich so gerne” und ja, ich führe wahnsinnig gerne Gespräche mit anderen Menschen, auch wenn ich häufig eher der passive Part dabei bin – mag aber auch daran liegen, dass sich einige Menschen wohl aber auch selbst gerne reden hören.😉

Dennoch, in einer Unterhaltung muss ich meinem Gesprächspartner die volle Aufmerksamkeit schenken um ihm auch Wort für Wort folgen zu können, dazu benötige ich ausreichend Licht und häufig auch das Mundbild. Dem Gesprächspartner aufmerksam ins Gesicht zu sehen ist für mich und andere schwerhörige selbstverständlich, bei den “Guthörenden” ist das mit ein Grund dies auch als Wertschätzung ihrer Person anzusehen. Die Vielfältigkeit der menschlichen Stimme die unterschiedlichen Klänge und Dialekte all dass was es für uns oft schwer macht Gespräche zu verstehen, all das macht eben auch den Zauber des Zuhörens aus ..

Ich bin froh, dass ich diesen Zauber dank Cochlea Implantat und Hörgerät nicht verloren habe und eines Tages vielleicht doch zuhören kann wie Momo … Weiterlesen

Schnipp, schnapp! CI ab!

3
Dez
20
Norma

Nein, nein, natürlich andersherum! Erst kommen die Hörprothesen ab, dann darf es “Schnipp, schnapp” heißen. 🙂


Selbst einem Cyborg wachsen unerbitterlich die Haare und er muss dann und wann mal den Gang zum Friseur antreten. Davon bleibt keiner verschont.

Aus Sicherheitsgründen lege ich beide CIs ab, bevor sich die Friseurin über meine Mähne hermachen darf. Zum einen weil die Haare gewaschen werden und die Geräte ja nicht unter Wasser dürfen. Zum anderen weil ich sonst beim Haareschneiden immer fürchten muss, dass im mehr oder weniger blinden Eifer das Kabel der Spule durchgetrennt werden könnte. Horrorvorstellung! Also lieber ab mit den Geräten und den Stummfilm genießen.

Ja, nun, wie ist das denn eigentlich, wenn man gehörlos auf dem Stuhl sitzt und einem die Haare gestutzt werden? Ich kann es euch sagen. Schließlich kenne ich es nicht anders. Wenn ich einen neuen Friseur habe, informiere ich ihn vorher über meine für ihn vermutlich ungewöhnliche Situation. Das heißt eigentlich, ich warne ihn. 😉 Sobald meine CI’s abgelegt sind, kann ich mich nicht ohne Weiteres mit ihm unterhalten. Also besser vorher den Haarschnitt klären.

Üblicherweise habe ich immer die gleiche Friseurin, mit der ich wortlos auskomme. Sobald ich mich ihren geschickten Händen übergebe, stöpsele ich mich von der Welt ab. Ich nehme den Trubel um mich herum nun nur noch lautlos wahr. Höre kein Geschnatter und keinen Haartrockner. Meist drifte ich in Gedanken ab, fixiere dabei Gegenstände im Blickfeld wie etwa Gemälde oder beobachte Leute im Spiegel. Hin und wieder habe ich Blickkontakt mit meiner Friseurin und wir lächeln uns zu (oder eher:  grinsen dämlich). 😀

Bei mir haben die Friseure keine richtige Kommunikation mit dem Kunden. Früher hatte ich deswegen immer ein schlechtes Gewissen, da ich davon ausging, dass denen ohne Gespräch langweilig wird. Ich bin deswegen sogar eine ganze Zeit lang bevorzugt zusammen mit meinem Vater zu seinem Friseur gegangen. Dann konnte sich mein Vaddern mit ihm unterhalten, während er uns nacheinander bearbeitete. Andernfalls hätte ich mich verantwortlich gefühlt, mit ihm zu schnacken. Denn vielleicht gehört die Plauderei ja zum Job?! Möglicherweise nehmen sich die Hairstylisten selber wie Entertainer oder freiwillige Therapeuten wahr und haben das Gefühl, ihren Job nicht richtig zu machen, wenn man sich nur stumpf anschweigt und ab und zu im Spiegel anguckt. Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich meine Friseurin einfach mal fragen?


Originalbeitrag auf meinem Blog *klick*

Sprich mit mir: Glücksmomente unter Hörenden

1
Nov
19
laurahaertel

An diesem Wochenende bin ich zum ersten Mal nach längerer Zeit mal wieder an der Uni. Anlass ist eine Konferenz, die jedes Jahr von den Studierenden meines Fachs organisiert wird. Dieses Jahr war jedoch der nachfolgende Jahrgang mit der Orga betraut, sodass schon im Vorwege klar war, dass ich kaum jemanden kennen würde. Und vor allem – Die kennen mich noch nicht! Und damit auch meine FM-Anlage nicht… Gefühlsmäßig noch auf der letztes Blogwerkstatt und somit im Schlaraffenland der wunderbaren Kommunikation, hatte ich also ein bisschen Bammel vor diesem Wochenende. Zu meiner Erleichterung werden ich und meine Mikros (Yeah, wir bilden so ne Art unzertrennliche Einheit an der Uni :-D) selbstverständlich in die Gruppe aufgenommen.

In der Mittagspause passiert es dann: Ich sitze mit drei anderen am Esstisch, unterhalte mich vornehmlich mit einen bekannten Kommilitonen und „oute“ mich den anderen gegenüber nicht. Als wir aufbrechen wollen und ich meinen Rucksack unter dem Tisch hervorziehe, fällt einer der „Ich bin taub, sprich mit mir“-Button daran auf. Prompt kommt die Frage, die Hörende dann fast immer stellen: „Kannst du auch Gebärdensprache?“ Mit einen Unterschied zu sonst: Sie wird in Gebärden gestellt! Ich bin erst mal baff. Dann kommen wir schnell ins Gespräch über das Wieso und Woher. Plötzlich sind es die Anderen, Hörenden, die auf einmal daneben stehen und uns nicht folgen können. Mehr im Scherz als ernsthaft meine ich zu meiner Gesprächspartnerin, wir könnten ja am Abend beim Open Space einen Gebärdenkurs anbieten. Wir grinsen uns an. Juhu, eine Verbündete!

Der Nachmittag vergeht und am Abend kommen alle zusammen, um Pläne für den Open Space-Abend zu schmieden. Im Angebot sind unter anderem Improtheater, Tauchabenteuer und weiblicher Orgasmus (fragt lieber nicht…). Das reicht dem Orgateam jedoch noch nicht. Da gebärdet mich meine neue Bekannte aus der Mittagspause an: „Wollen wir?“ Ich grinse und gebärde “Ja”. „Wir machen einen Gebärdensprachkurs. Wer Lust hat…“ Ernsthaft rechne ich nicht mit großen Interesse. Abends um neun nach einen anstrengenden Tag noch Sprachkurs? Und außerdem: Ist das nicht viel „exotisch“? Ich befinde mich unter lauter „Weltrettern“, es soll hier eigentlich vor allem um Nachhaltigkeit gehen. Interessiert die das?

Aber als wir in den Raum kommen, sind ca. 15 Leute da. Mit ersthaften Interesse und voll motiviert. Und wir improvisieren einfach. Erzählen erstmal ein bisschen Allgemeines zu DGS und LBG, zeigen ein Gebärdenmusikvideo und bringen den Teilnehmern das Fingeralphabet bei, sodass bald alle stolz ihren Namen fingern. Aber vor allem kommen wir ins Gespräch: Übers Hören und Nicht-Hören, über das (Uni-)Leben mit Hörschädigung, über die liebe Technik, über das CIs… Ich bin baff, wie viel Interesse, Neugier und Wissen-Wollen mir entgegenschlägt!

An diesem Abend passierte genau das, was auf meinen Rucksack prangt: Ich bin taub, sprich mit mir. Diese Aufforderung zum Gespräch, zum Kennenlernen und Nachfragen wurde hier so begeistert aufgegriffen wie selten.

Danke für den coolen Button! 😀

 

Knotenlöser

1
Nov
5
Katja

Emotionen mit dem Körper erleben und sichtbar werden lassen. Tanztheater. Singen, auch wenn wir glauben, nicht singen zu können. Theatertanz. Die Macht der Stimmen ziehen mit, lassen Gänsehaut die Arme hochwandern. Tanztheater. Alle tanzen gemeinsam, alle schauen in den Spiegel. Theatertanz. Und doch ist auch Zeit, für sich alleine. Bewegung fließen lassen, hören wie ich atme, völlig frei ohne Blockaden und ohne sich komisch zu fühlen, jeder ganz bei sich selbst und dann fällt es mir leichter. Tanz.

Nicht nachdenken, welche Bewegung ich als nächstes mache, sondern einfach dem Körper freien Lauf lassen. Und plötzlich traue ich mich, plötzlich entweicht meinen Lippen ein Ton und ja, ich höre mich selbst. Wir hören uns selbst. Ich schaue den anderen an, fange Bewegungen von ihm auf, überwinde mich, lasse mich auf ihn ein. Ein ganz feines Beobachten, um jede Chance zu ergreifen. Kein Suchen nach Chancen, sondern ein Wahrnehmen von ihnen. Es fühlt sich gut an und auf einmal bin ich überrascht. Da, da kommt die nächste Bewegung, sie bahnt sich an. Ausprobieren, es gucken alle…

… und doch schaut keiner, denn ich bin bei mir.

Ein Vertrauen schwebt in der Luft, wir sind getragen und geborgen. Gegenseitiger Respekt stärkt uns und lässt uns wachsen.

Hier eine Ecke des Tanzraumes, die entdeckt werden will, dort ein ganzer Raum, wir ziehen Kreise, laufen Schulter an Schulter, berühren uns, kommen uns näher, da entsteht etwas, da bewegt sich etwas, da rührt sich was. Und das nicht nur einmal im Raum, nein, die Begegnungen entstehen immer wieder neu und immer wieder mit anderen Menschen aus der Gruppe. Ein Blick wird aufgefangen, die Augen sagen Ja, die Körper nähern sich, steigen übereinander, Rücken an Rücken, ist der Boden oben oder unten? Ja, ich vertraue.

… und doch schaut keiner, denn ich bin bei mir.

Man verliert das Gefühl für Raum und Zeit. Ich bin ich. Im Hier und jetzt. Eine Atmosphäre, in der man sich traut zu sein, in der alle sind und ich bin. Wo ich mich in dem Moment verliere, wo ich mich meinen Ängsten stelle und mich konfrontiere. Ein Trommeln der Hände macht die Musik. Die eine Hälfte gibt den Rhythmus vor, wir lauschen, folgen und vertrauen Gruppe. Niemand weißt was in fünf Minuten sein wird, einfach treiben lassen und das aktiv, nicht das Ergebnis zählt, sondern das Gefühl und die Momente, die dabei entstehen.

Fokus gibt Intensität.

Pausen zum richtigen Zeitpunkt verändern den Klang. Sätze in Sprechchören erfüllen den Raum, Bewegungen unterstreichen das Gesagte, lassen es authentisch wirken. Die Stimmen tragen und stärken und plötzlich ist da Gänsehaut.

Aus einem Satz, der auf Papier steht, wird ein gesprochenes Wort, aus dem Wort ein Satz, aus dem Satz eine Betonung, aus der Betonung eine Bedeutung und plötzlich ist er da. Da Satz mit Leben gefüllt, nicht länger nur schwarze Tinte, sondern ein Klang mit Gefühl. Deine Welt, dein Zugang zum Gegenüber. Ein Aktionsraum nimmt Form an, er wird lebendig und füllt die Erinnerung.

Das DU gehört zum WIR!

 

Alle Wege führen nach Kassel #BW5

4
Nov
2
Norma
Wege nach Kassel

“Wir sind gleich, denn wir sind alle anders.”

Dieses Zitat ist aus dem Theaterstück, das wir im Rahmen der fünften Blogwerkstatt selber entwickelt haben. Es trifft die Stimmung innerhalb unserer Gruppe sehr gut. Denn wir sind alle hörgeschädigt und in der normalhörenden Welt werden wir nun mal „anders“ wahrgenommen oder fühlen uns selber „anders“.

Dies hier ist mein persönlicher Eindruck zur fünften Blogwerkstatt, meine erste und sicher nicht letzte! Ich war sehr überwältigt von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Schon bei der Ankunft fühlte man sich sehr herzlich aufgenommen und auch an den Folgetagen wurde sehr deutlich, wie wunderbar die Gruppe funktionierte. Es war kein T.e.a.m. („Toll, ein anderer macht’s!“), sondern tatsächlich ein TEAM.

Unter Normalhörenden bin ich immer diejenige, die etwas mehr Rücksicht braucht und viel aufmerksamer sein muss als andere. Ich fühle mich oft nicht richtig verstanden („Cool, du kannst also dein Gehör einfach abstellen, wenn du willst!“ – ja, aber zu was für einem Preis??) und Nichtgehörtes wird schnell abgewunken („Ach, ist nicht so wichtig!“). Jeder mit Hörschädigung kennt solche Situationen.

Umso schöner war es dann in Kassel, wo ich eine von vielen war.

  • Jeder weiß, was Hörschädigung tatsächlich bedeutet.
  • Keiner wird ausgelacht, weil er bedingt durch die Hörschädigung einen gewissen Dialekt hat oder aus dem Rahmen tanzt, weil etwas nicht gehört wurde.
  • Nichtverstandenes wird geduldig wiederholt, bis es angekommen ist. Egal, wie oft.
  • Hilfsmittel wie Gebärden und Fingeralphabet sind selbstverständlich.
  • Blickkontakt sowieso.

Es gab auch kleine Situationen, die mir sehr gefallen haben. Zum Beispiel, wenn zwei Hörgeschädigte mitten auf der Straße laufen und vertieft in ihrer Unterhaltung das von hinten kommende Auto erst spät bemerken. Sonst sind es ja die guthörenden Freunde, die einen frühzeitig zur Seite ziehen. 🙂

Schön ist auch, dass keiner sich vor Körperkontakt zu scheuen schien. Ich habe oft das Gefühl, dass gerade hörgeschädigte Menschen gerne andere berühren, etwa um Aufmerksamkeit zu erhalten oder ihr Mitgefühl zu zeigen. Sonst kenne ich das nur von guten Freunden oder Familie. Daher entstand auch sehr schnell eine familiäre Atmosphäre in der Gruppe.

Besonders ist auch: Niemand wird außen vorgelassen. Denn alle kennen das Gefühl, ausgeschlossen zu werden. Es ist jedem in der normalhörenden Gesellschaft mal passiert und innerhalb der Blogwerkstatt wurde eben jenes verhindert. Jeder war mittendrin statt nur dabei!

In den fünf Tagen, die wir gemeinsam in Kassel verbrachten, fühlte ich mich ungewohnt wohl und gut aufgehoben, das kenne ich von sonst nirgendwo so. Innerhalb der kurzen Zeit hatte ich dann plötzlich gefühlt 39 neue Freunde! Bestimmt ging es anderen auch so. 🙂

Bewundernswert, zumal jeder aus unterschiedlichsten Ecken in Deutschland (und Österreich) kam. Es haben also tatsächlich alle Wege nach Kassel geführt.

Schwindel oder Schwindel

1
Jul
27
Es.Kay

Ein bisschen was zur Verarbeitung, zum Zamscheißen, zum weinen, schmunzeln und zum verstehen

Am 12.06. bin ich schon daheim geblieben, weil mir ganz und gar nicht wohl war. Meine Vorahnung sollte mich nicht täuschen wie man spätestens am nächsten Tag sah und – wie ich fand – auf eine harte Art und Weise. Ich hatte wieder die Stimmung wie tags zuvor. Wollte eigentlich nur die Toilette aufsuchen. Mein Kater hat mich angefaucht und übelst miaut, klang fast so als ob er mir sagen wollte: “bleib stehen, das geht nicht gut”. Ich hätte hören sollen. Mir wurde dermaßen schwindelig, wie es für die Mehrheit der Menschen da draußen nicht vorstellbar war. Es fühlte sich an, als würde vorne an der Stirn jemand auf meinem Kopf sitzen und alles hat sich nur noch gedreht. Nichts sah mehr so aus, als ob es mehr an seinem Ort bleiben würde. Mein Herz raste, mein Kopf hämmerte vor Schmerzen, Panik baute sich auf. Ich war total alleine, niemand – menschliches – war in der Wohnung. Schaffte es gerade noch auf den geschlossenen Toilettensitz, alles bewegte sich weiter und meine Pumpe machte den Eindruck, als wollte sie nicht mehr in dem Korb bleiben der sie umgab.

Ich habe mir selbst helfen müssen, aber wie? Der Schwindel sorgte für eine immer größere Panik. Nun, Ich lag halb, saß halb im kleinen Bad meiner Wohnung, kriechte nach gefühlten Stunden, immer noch unter Schwindel, am Boden entlang ins Schlafzimmer aufs Bett zum Handy und versuchte mittels Samsung-Siri mein Handy dazuzubringen Papa anzurufen. (Ich hatte nicht mal mehr daran gedacht, das ich direkt beim Toiletteneingang das Festnetz stehen hab). Es klappte, Papa ging hin, brachte Mama dazu rüber zu mir zu fahren, sich unterwegs meinen Onkel zu schnappen und dem Krankenwagen, hinterherzufahren, den Mama gerufen hatte, als sie hier war.  Bis ich mal im Krankenwagen war… gefühlt ne Stunde vergangen, der Schwindel kam immer wieder sobald ich mich auch nur nen Millimeter im Bett bewegte… und dann noch den 2. Stock runter. Weil das Treppenhaus so eng ist konnte die Trage nicht hoch zu mir.

Einige Monate vorher – im Oktober 2016 – hatte ich gleich mehrere Schwindeanfälle, kleinerer Art und 4 an der Zahl – auf dem Weg in die Arbeit. Sämtliche Menschen am Gleis der U-Bahn-Station Schwanthalterhöhe,  Münchner Hauptbahnhof, am U-Bahnhof “Am Hart”, die Autos an der Kaserne in der ich arbeite – alle sind sie an mir vorbei – obwohl offensichtlich war, wie schlecht es mir ging. Ich war allein. Ich konnte mir nicht selbst helfen. Ich hatte mich ins Büro quälen müssen, wo ich meinem Chef nach seiner Frage “Magst Du auch einen Kaffee” und meiner Antwort “Ich glaube das ist keine gute Idee” beinahe in die Arme gefallen bin und er mit mir dann zum Arzt gefahren ist. Man kann sich fragen warum ich mich überhaupt in die Arbeit gequält habe. Lag daran, weil meine Krankheitstagezahl zwar nicht ultra hoch war aber niedriger hätte sein können, zumindest laut Ansicht einiger Menschen die denken, dass sie meinen Körper bessser kennen als ich selbst (egal ob Familie, Freunde, Kollegen oder Fremde). Auf deutsch: Menschen, die denken, ich mache blau. Und das obwohl ich noch NIE blau gemacht habe seit ich meinen Schulabschluss in der Tasche hatte. Aber es gibt wie gesagt Menschen, die es besser wissen.

Die Diagnose verlief letztendlich auf zwei unterschiedliche Arten von Schwindel, zum einen der Schwindel, der von meinem Gleichgewichtsorganen – deren Funktion immer mehr versagt – ausgelöst wird und zum anderen vom Migräneschwindel. Wenn die beiden dann aufeinandertreffen:

BÄHM — KRACH —- BUMM

Ich war 8 Tage im Krankenhaus. In diesen 8 Tagen hatte ich täglichen Besuch von meinem Mann (Freund), fast täglichen Besuch von meinen Schwiegereltern, und insgesamt 3x Besuch von Freunden, von meiner Mutter selbst glaub ich nur 1 oder 2 mal.  Es ist erschreckend, wenn man das nicht mehr genau weiß, aber erklärend. Es war so wenig, dass es einfach nicht auffiel. Mein Vater war zwar nicht da, hat aber jeden Tag angerufen. Der Rest meiner Familie, teils in München, teils in Hessen, hat sich auch mal gemeldet. Aber sie haben mir alle ein Gefühl nicht nehmen können, die Einsamkeit, das Alleinesein. Es klingt nach viel Beteiligung. Aber das was nach viel Beteiligung klingt, war es für mich leider ganz und gar nicht. 1x 10 Minuten Anrufe sind bei mir keine Beteiligung. Ich war sehr allein über die meiste Zeit, ich hätte vorallem meine Famlie und meine Freunde – von denen ich dachte das es Freunde sind – einfach mehr gebraucht. Das sind dann die Zeiten, wo man ganz schnell ganz viel merkt, dass man selbst oft für andere was gemacht hat, aber sie selbst das gleiche nicht für einen selbst machen würden.

Bereits in der Klinik zeigte sich, dass ich alleine nicht mal in den Patientenpark gehen kann, zwar alleine um die Fernsehr-und Telefonkarte aufzuladen aber nicht in den Patienpark, da baut sich wieder die Angst auf, ich fange an Unruhig zu werden, die Pumpe wird wieder schmerzhaft, meine Hände unruhig. Ich hatte meine ersten Schritte gemacht ohne meine Familie, meine ersten Schritte im Rollstuhl, meine ersten Schritte Oma-gehen, meine ersten Schritte Ente-Watscheln, das mir teils immer noch durchkommt heute.

Nun bin ich seit 7 Wochen zu Hause, ich kann alleine rausgehen, aber nur wenn ich weiß, dass z.B. im Auto in der Nähe oder im Cafe in der Nähe jemand auf mich wartet, und alleine laufe ich fast nur wie eine Ente, wenn auch immer gerader, aber verdammt nochmal ich laufe. Der Schwindel ist nie 100% weg. Mal gehts besser mal schlechter, wobei ersteres öfters vorkommt was den Schwindel angeht. Am besten und wohlsten ist es aber immer noch, wenn jemand bei mir ist. Die meiste Zeit bin ich zuhause alleine, die wenigsten fragen mal nach einem, mein Schwiegervater hat viel nach mir geschaut, er ist jetzt aber leider selbst ein wenig außer Gefecht. Natürlich müssen die Menschen arbeiten und haben auch ihre eigenen Sorgen. Aber es ist schwer wenn man reden möchte und genau diese Menschen dann nicht wollen, können oder was auch immer und einem das Gefühl geben, es interessiert sie einfach nicht. Stattdessen scheinen diese Menschen geradewegs zu wollen das man grübelt.

Natürlich hat jeder seine eigenen Methoden damit umzugehen. Ich freue mich über jeden der an mich denkt – ohne Frage – , mir Gesellschaft leistet und auch jeden Tag meinen Mann <3 zu sehen (schön wärs, eigentlich mein Freund, für den das Ganze auch nicht einfach ist, weil er alles abbekommt, was ich “verteilen” könnte), aber irgendwas fehlt dann trotzdem.

Ich mache bisher fast alles was die Ärzte sagen. Ich gehe zur Physiotherapie zum Gleichgewichtstraining, spiele Tischtennis (wobei das Momentan aussetzt wegen des Wetters), nehme meine Tabletten gegen Migräne, damit zumindest der Migräneschwindel einigermaßen Ruhe gibt. Ich würde auch zu nem Psychologen gehen, was ich echt gern würde, aber da habe ich bisher mehr Pech als Glück was einen Platz angeht. Und nehme nun bald Tabletten, die mir mit meiner Psyche und der Angst ein wenig helfen sollen – aber natürlich nicht auf ewig.

Wenn man mich dann aber mal trifft: Oh du hast aber zugelegt oder oh du bist aber blass oder ich wäre nur noch gereizt oder ich bilde mir alles nur ein oder ich soll mich nicht so anstellen oder oder oder. Die Menschen wissen gar nicht wie sehr diese Sätze verletzen. Wenn man mal nachgefragt hätte bei mir, auch mal öfters, wie es mir den geht, müsste ich mich diesem Schmerz nicht immer aussetzen. Wenn sie den Tipp geben, probier doch immer einen Meter mehr (bezüglich der Schwierigkeit alleine rauszugehen), werde ich erstens nicht fertig mit den Wegen und man würde sich wünschen sie gehen den Weg mit einem. Ich weiß sie meinen es gut, dessen bin ich mir wirklich bewusst, aber wenn man es dann erklären will, hört niemand wirklich bewusst zu oder besser hin. Früher hätte ich darauf entweder beleidigend reagiert oder hätte einen blöden Spruch auf die Sprüche zurück gesagt. Ich kann das nicht mehr. Irgendwann – wenn man manche Sachen von manchen Personen auch zu oft hört – kommt einfach dieser Punkt. Die Personen reden sich immer so leicht. Sie vergessen, bedenken nicht oder wissen einfach nicht, dass ich Medikamente nehme, das ich viel zuhause festsitze, weil ich es einfach nicht schaffe, obwohl ich es immer wieder versuche. Sie beschweren sich, obwohl die Gründe so naheliegend sind, aber man geht eher aus dem Weg als auf einem zu. Obwohl man liebend gern so viel erklären würde.

Und da solche Situationen nicht gut tun, passiert was? Genau man distanziert sich. Mein Vater würde jetzt sagen: So habe ich dich nicht erzogen. Das stimmt: Probleme sind da um gelöst zu werden. Aber kranke Menschen verdienen Aufmerksamkeit. Und sie dürfen auch danach schreien und zwar so laut sie können und das bin ich herrschaftszeiten. Ich bin nunmal krank. Aber ich bin nicht so krank das ich ansteckend bin, oder in die Psychatrie gehöre oder zum Serienmörder werde (auch wenn man sich das bei manchen Personen vorstellt) oder ich nicht mal 1% belastet werden darf bei irgendwelchen Aktionen. Nein, ich braucht nur ein klein wenig Unterstützung, den immer die gleichen fragen kann und will man irgendwann einfach nicht mehr, weil sich dann auch mal nach 100 mal das schlechte Gewissen einschaltet. Beim Hören muss man mir schon niemand helfen, das bekomm ich mit CI und HG ganz gut alleine nun hin. Aber manche Sachen…und wenn man weiß man kann auf manche Leute nicht zählen, dann überlegt man sich eben, ob sie wirklich noch zum Leben gehören oder nicht auch wenns gegen Papas Lehre ist.

Meinen Schwindel haben viele Menschen – es werden immer mehr. Und immer mehr haben genauso mit den psychologischen Folgen zu kämpfen wie ich es nun tue. Mit dieser Angst und einer daraus entstehenden Depression.  Sie verdienen es gestützt zu werden, auch wenn es nicht die einfachsten Menschen in diesem Moment sind. Nein, wir sind verdammt anstrengend. Aber die Welt ist es für uns noch viel mehr, der Lärm, die Hektik, Alkohol, Zigaretten, Streit, Einsamkeit, alles mögliche an negativen Einflüssen, die einen Schwindel unterstützen können…, ihr könnt froh sein, dass ihr da nicht durch müsst. Wir sind alle bereit darüber aufzuklären, aber man muss uns auch lassen, uns zuhören, uns ausreden lassen und uns vorallem NICHT ständig alleine lassen. In Watte müssen wir aber auch nicht eingepackt werden nur damit das mal klar ist. Je mehr das außenrum mithilft desto mehr können wir lernen mit diesem neuen Handicap, das in meinem Fall wahrscheinlich nie mehr ganz weggehen wird, zu leben, zumal man doch auf viel verzichtet was eigentlich Spaß macht.

Euer Taubsi

Ps.: Ich danke denen, die sich meinen Text wirklich bis zum Ende durchgelesen haben, ohne Bildschirm aus, wegklicken oder sonst was. Den solche Themen gehören auch mal zum Leben und sich damit auseinander zu setzen auch. Einige werden sicherlich unter Umständen nach diesen Zeilen sogar angesprochen fühlen, aber ich bin froh das mir wieder der Weg eingefallen ist, den ich beinahe vergessen hätte. Einer der Wege für mich selbst !

Hörst Du wer da kommt?

0
Jul
11
pialeven

Es handelt sich nicht darum, ob wir treppauf oder treppab gehen, sondern wohin wir gehen und was das Ziel unserer Schritte ist.

Heute morgen sitze ich in meinem Büro und habe mein Fenster auf Kipp.

Diesmal konnte ich an Hand der Schritte feststellen, wer gerade an meinem Büro vorbeiläuft. Das war ein verdammt cooles Gefühl, denn solche Momente halten mir immer wieder vor Augen, wie viel besser ich mit meinen zwei CIs hören kann.
Praktisch – jetzt weiß ich wer gerade im Hause ist, obwohl ich der Person noch nicht über den Weg gelaufen bin.

Euch allen ganz HÖRzliche Grüße und haltet die Ohren steif!

Musikgenuss – langsam weiss ich wieder, was das ist

0
Jun
25
ursulasoyez

Heute war ich erstmals seit mehr als drei Jahren wieder in einem Konzert – im „Picknickkonzert“ des Georgischen Kammerorchesters in Ingolstadt (nur Streichinstrumente). Ein Konzert für Familien, um Kinder an klassische Musik heranzuführen. Auf dem Programm standen Vivaldi, Mozart und Britten. Bis mein rechtes Ohr im März 2014 auch schlapp machte, konnte ich Musik  nach meinem Hörsturz links (2007) „einohrig“ noch genießen – sie klang schön und normal, nur eben Mono statt Stereo. Nach dem endgültigen Absturz des rechten Ohres und der Anpassung des Hörgeräts bedeutete Musik für mich eigentlich nur noch eines: Stress. Ich versuchte immer mal wieder in meine CDs reinzuhören, nur um nach wenigen Minuten frustriert aufzugeben. Auch die 15 Frequenzbereiche meines Hörgerätes schafften es nicht, komplexe Melodien, geschweige denn das Zusammenspiel vieler Instrumente, hörenswert zu verstärken. Es blieb in erster Linie „Krach“.  Da fehlen zu viele Frequenzen, das Ergebnis war Dissonanz.

Umso erfreuter – und auch ein wenig erstaunt – war ich ja, dass ich mit dem CI quasi von Anfang an einen Zugang zu Melodien hatte. Zuerst Kinderlieder auf YouTube, dann einfache symphonische Werke. Peter und der Wolf, die ‘Mozart für Kinder’-CD meines Sohnes. Vorgestern erzählte nun unsere Nachbarin, dass sie mit Ihrem Sohn zum „Picknickkonzert“ gehen würde. Da wurde ich mutig – und wir entschieden, mitzugehen. Von der Akustik her schien mir ein Freiluftkonzert ein guter Einstieg, das war auch so.

Mein CI hat ein „Musikprogramm“ – da greift die Technik weniger ein, d.h. es werden zum Beispiel keine Frequenzen runter geregelt die von der Software als „Störgeräusche“ identifiziert werden. Zu Beginn des Konzerts stellte ich mein CI auf „Musik“ ein, das Hörgerät beließ ich auf dem normalen Programm. Sehr rasch musste ich beides leiser stellen, das Hörgerät noch mehr als das CI. Aber die Anfangstakte der „Vier Jahreszeiten“ erkannte das Gehirn sofort und es war: MUSIK. Während des Konzerts konnte ich immer wieder feststellen, dass die Celli und der Kontrabass den für mich angenehmsten und natürlichsten Klang hatten. Geigen und Bratschen klingen noch ein bisschen schriller und ein bisschen wie elektrisch verstärkt. Ich war jedoch erstaunt, dass ich tatsächlich bei einem Orchesterkonzert schon so viel „mitnehmen“ kann, oft das Thema genau hören konnte und eben auch die Einsätze verschiedener Instrumente mitbekam.

Während des Konzerts habe ich mehrere „Testphasen“ eingebaut, mal das Hörgerät abgeschaltet, mal das CI. Das beste Klangerlebnis war tatsächlich mit dem CI (Musikprogramm) und leiser geregeltem Hörgerät. Mit CI alleine kamen die Melodien gut durch, aber gerade in höheren Tonlagen klang es nicht symphonisch, sondern eher wie „E-Geigen“. Mit Hörgerät alleine fehlten Frequenzen, es klang eher dissonant und häufig einfach nach „Krach“. Sobald ich eine Seite „abschaltete“ merkte ich, wieviel mehr Tiefe und Fülle einem doch zwei „Ohren“ geben – was das Hören angeht, ist 1+1 gefühlt viel mehr als 2, es kommt nun mal eine weitere Dimension dazu. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: NEIN, es klingt nicht so wie früher – aber eben Lichtjahre besser als nur mit Hörgerät. Es kommen wieder Zwischentöne durch, die Musik bringt in mir wieder etwas ins Schwingen (statt nur Stresshormone freizusetzen).

Die mir bekannten Stücke (Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“) waren für mich eingängiger als das mir unbekannte Werk „Simple Symphony“ von Benjamin Britten – genau das hatte ich auch erwartet. Jedoch war ich erstaunt, dass mein Hören und mein Gehirn auch mit dem unbekannten Stück durchaus etwas anfangen konnten und ich mich reinhörte. Besonders gefiel mir das Pizzicato (Zupfen der Streichinstrumente) im zweiten Satz. Da hatte ich zwar das Gefühl, dass manche Töne zu leise waren um bei mir im CI anzukommen, aber insgesamt klang es schön. Dafür konnte ich mit dem 3. Satz nichts anfangen – in Moll, sehr getragen und wenig unterschiedliche Tonhöhen, es klang in keinem Modus (nur CI, nur Hörgerät, beides zusammen) eingängig, es war ein diffuser Klangbrei – da war einfach nicht viel, woran sich mein Gehirn orientieren konnte. Der melodiöse, fröhliche 4. und letzte Satz machte mir dafür jedoch wieder Freude.

Dieser musikerfüllte Vormittag nur knapp vier Monate nach Aktivierung meines CIs hat mich bestärkt, mich weiter an Musik, auch an Konzerte, heranzutasten. Klassik im Freien scheint genau richtig. Ich glaube, ein Konzertsaal wäre derzeit akustisch noch zu intensiv. Ich merke jetzt, am Abend, dass es doch eine ziemliche Anstrengung war, die meinen Körper viel Energie gekostet hat. Im Moment brauche ich Stille und musste meine „Ohren ablegen,“ fühle mich müde und matt. Aber morgen höre ich mir vielleicht die kleine Nachtmusik nochmal auf CD an! Abschließend möchte ich alle CI-Anwärter und Neulinge ermutigen, Musik von Anfang an in ihr Hörtrainings-Programm aufzunehmen – es gibt kein “zu früh”. Klar klingt es “anders” – aber man findet trotzdem etwas darin.

Vier Wochen CI – und akustisch zurück auf Planet Erde (fast)

1
Mrz
27
ursulasoyez
Ich sehe die Vögel nicht, aber ich höre ihr Konzert.

Morgen (27.3.17). wird mein „Blechohr“ vier Wochen alt. Was es hört klingt meist in der Tat noch sehr blechern. Aber mir ist bewusst, wie weit meine Reise mich schon gebracht hat (Mehr zu den Etappen meiner Hörreise findet sich auf meinem Blog). Es ist Sonntagnachmittag 17:00 Uhr, ich habe heute bislang auf mein Hörgerät verzichtet und gehe nur mit CI durch den Tag. Es ist ein langsamer und ruhiger Tag, ich bin nicht dauernd auf mein Gehör angewiesen, aber trotzdem. Ich habe heute früh meinen Sohn verstanden, als er mir sagte was er zum Frühstück wollte und fragte ob schon Malstifte in seinem Koffer seien. Ich habe ihn auf seine Reise zu Oma und Opa verabschieden können und sein „Tschüß, Mama“ gehört. Ich habe mich mit den Nachbarn im Garten über das schöne Frühlingswetter unterhalten können. Ich habe mit meinem Mann beim Mittagessen den Nachmittag planen können – mit mehrmaligem Nachfragen und kleineren Missverständnissen, aber es hat geklappt. Klingt die Sprachwelt normal? Ein klares NEIN. Aber solange die Themen einfach, das Gesicht des Gesprächspartners sichtbar und die Umgebung leise sind, ist Kommunikation möglich. Vorhin konnte ich sogar beim spazierengehen meinen Mann meist verstehen, obwohl wir nebeneinander gingen. Stimmen klingen weiter metallisch-blechern, schrill an den ‚Rändern‘, aber bei Menschen deren Stimmen mir vertraut sind, werden diese doch langsam erkennbar. Alles in allem habe ich seit meiner dritten Einstellung am Mittwoch einen großen Sprung gemacht.

Insgesamt ist das CI jetzt lauter eingestellt – wenn ich sowohl Hörgerät als auch CI trage, habe ich erstmals das Gefühl, Sprache kommt auf beiden Seiten an. Es sind nicht mehr nur die Zischlaute, die ich im Alltagshören mit der CI-Seite wahrnehme. Deshalb scheint es mir seit Donnerstag, dass das Gehirn allmählich auch auf die Informationen der CI-Seite aktiv zurückgreift. Das erste Erfolgserlebnis mit der aktuellen Einstellung kam am Donnerstag, als ich mit einer Kollegin zur Arbeit gefahren bin. Ich bin es gewöhnt, dass ich mich zu einer Unterhaltung vom Beifahrersitz zum Fahrersitz hindrehen muss, damit das Gespräch die Mikros des Hörgeräts rechts gut trifft (und nicht der Motorenlärm dominiert), und damit ich das Mundbild des Sprechenden zumindest im Profil sehe. Am Donnerstag konnte ich erstmals seit Jahren immer wieder einige Zeit nach vorne schauen und trotzdem meine Kollegin verstehen. Der nächste Sprung nach vorne war Freitag. Ich habe mir einen kurzen Film auf dem Laptop angesehen (mit technischer Unterstützung, der Ton ging dank Minimic direkt ins CI) – einen englischsprachigen Redeausschnitt einer Konferenz, die Rednerin kenne ich gut. Ich hatte nicht damit gerechnet, etwas zu verstehen und war zu Tränen gerührt, dass ich nicht nur verstand, sondern auch noch die Stimme erkannte. Der Micky Maus-Anteil ihrer Stimme war in diesem Moment nur noch gefühlte zehn Prozent.  Ich habe danach versucht, einen weiteren Videobeitrag derselben Konferenz anzusehen, aber war sehr schnell zu erschöpft und verstand nichts mehr.

Heute nun habe ich eine Webseite zum Hörtraining herangezogen, die mir die Logopädin empfohlen hat: www.deutschelyrik.de – dort hat der Sprecher und Schauspieler Fritz Stavenhagen mehr als 1000 Gedichte eingelesen. Parallel zur Hörversion kann man den Text mitlesen. Perfekt geeignet für das CI-Hörtraining. Die Gedichte sind sowohl nach Autoren als auch nach verschiedenen Kategorien abrufbar, und ich habe mir heute Frühlingsgedichte angehört. Wunderschön – ob CI-Träger oder guthörend! Zum Monatsausklang empfehle ich Euch Erich Kästners Gedicht zum März. Ohne Mitlesen für mich noch schwierig, mit gleichzeitiger Lektüre gut verständlich, wenn auch noch scheppernd vom Klang her.

Der Frühling ist definitiv eine tolle Jahreszeit, das Hören wieder zu erlernen. Überall zwitschern Vögel und tirilieren in den höchsten Tönen, die jetzt wieder in meinem Gehirn ankommen – das macht gute Laune. Vogelgezwitscher klingt mittlerweile richtig ‚stereo‘ mit CI und Hörgerät. Kirchenglocken ähneln wieder einem echten harmonischen Läuten – statt der scheppernden Kakophonie mit Hörgerät. Andere Alltagsgeräusche sind leider sehr schrill – da alles leicht metallisch klingt, könnt ihr euch vorstellen, wie potenziert kreischend echte Metallgeräusche klingen. Manche solcher Geräusche tun weh, auch wenn sie ganz leise sind. Mein Tinnitus ist derzeit lauter als sonst, wohl auch von der Höranstrengung (was mich nachts leider manchmal länger wachliegen lässt). Wenn ich zu intensiv höre, wird meine Wange leicht taub und kribbelt – ich nehme an, eine Nebenwirkung der stetigen elektrischen Impulse. In den letzten Tagen war mir mehrmals auch wieder leicht schwindlig, dies gab sich zum Glück immer schnell. Ich habe jedoch auch den Alltag in ‚normalem‘ Tempo und mit recht viel körperlicher Aktivität gelebt – Gartenarbeit, Fahrrad fahren, flottes Tempo beim Gehen. Vielleicht hinkte da mein Gleichgewichtssinn noch etwas hinterher. Deshalb bin ich froh, heute einen ruhigen Tag einzulegen und die Tonspur des Frühlings bewusst zu genießen.

Wie hörst du eigentlich?

1
Feb
28
fehrhoert

In meinem Leben wurde ich schon mit vielen Fragen konfrontiert. Wenige davon konnte ich bisher zufriedenstellend beantworten. Viele Fragen haben sich so wie ich im Laufe der Zeit verändert, einige sind dennoch gleich geblieben. Nachfolgende Fragestellung scheint aber irgendwie zeitlos zu sein. Wahrscheinlich hat sie jeder hörgeschädigte Mensch in seinem Leben schon mal gehört. Obwohl so einfach und so schlicht, ist die Beantwortung umso schwieriger:

„Wie hörst du eigentlich?“

Immer wenn ich diese Frage höre, wird mir bewusst wie paradox die Welt eigentlich ist. Wenn man einen Guthörenden dieselbe Frage stellen würde, käme als Antwort: „Ja normal halt!“. Richtig – und warum sollte es mir als hörgeschädigten Menschen anders ergehen? Warum wird mir die Frage gestellt? Warum fragen Hörende sich nicht gegenseitig aus, wie sie eigentlich hören? Nur weil ich schlechter höre, heißt das doch nicht, dass ich anders höre? Oder doch?

Wenn jemand von Geburt an Hörsystem- oder CI-Träger ist, dann ist der akustische Input ein anderer, aber für den Betroffenen genau so „normal“ wie der Höreindruck eines guthörenden Menschen. Doch wie kann das sein? Das Gehör ist ja beschädigt – ein „normales Hören“ ist ja laut Audiogramm nicht möglich.

Es ist ganz einfach: Unser Gehirn entscheidet, „wie wir was hören“ und manchmal sogar ob wir überhaupt was hören. Die Ohrmuschel, der Gehörgang, das Trommelfell, die Gehörknöchelchen, die Cochlea-Schnecke, der Hörnerv und die Verbindungen ins Hirnzentrum sind „nur“ Signalboten. Sie überbringen Reize, welche das Gehirn verarbeiten muss. Und jedes Hirn arbeitet bekanntlich anders und doch irgendwie gleich. Das macht die Fragestellung so kompliziert, denn das Hören ist eine komplexe Angelegenheit. Jedes Ohr ist marginal anders trainiert bzw. abgerichtet von seinem Gehirn und von den Hörvorlieben des Menschen. Obwohl die Audiometrie-Ergebnisse von zwei Personen identisch sein können, heißt das noch lange nicht, dass die beiden auch gleich hören und Akustik gleich wahrnehmen.

Was ist also nun entscheidend für den Höreindruck?

Natürlich wär ein unbeschädigter Signaleingang richtig und wichtig. Doch wenn dieser kaum oder nicht vorhanden ist, dann macht das Gehirn einfach das Beste aus dem zur Verfügung stehenden Material. Es vergleicht dann mit den vorhandenen Hörerinnerungen und –Erfahrungen und holt sich gleichzeitig weiter Informationen von anderen Sinnesorganen (zb.: Augen, Lippenlesen!). Erst wenn dieser rasend schnelle Vorgang abgeschlossen ist, hören wir, was wir hören. Unser Höreindruck ist also das Ergebnis aus dem akustischen Eingang, der Information anderer Sinnesorgane und der Hörerinnerung, dessen Parameter unser Hirn in Lichtgeschwindigkeit kombiniert. Bei manchen Menschen (Normalhörenden) gibt es eben mehr von dem akustischen Signal, was weniger „Kombinationsarbeit“ für das Hirn bedeutet. Umgekehrt ist es bei schwerhörigen Menschen. Der akustische Eingang ist kaum oder gar nicht vorhanden, deswegen muss sich das Hirn vermehrt auf andere Sinnesorgane verlassen und sich aus seinem Erfahrungsarchiv bedienen – dies bedeutet natürlich auch wesentlich mehr ermüdende Denkarbeit für das Gehirn.

Spannend wird es, wenn Menschen, welche von Geburt an gehörlos sind, implantiert werden. Diese können ja über keine Hörerinnerungen und dergleichen verfügen. Wie hört so jemand? Die Antwort ist einfach: So „normal“ wie du und ich aber doch anders. Guthörenden stehen 20.000 feine Härchen zur Verfügung, welche die Cochlea stimulieren. CI-Träger haben für die gleiche „Arbeit“ nur etwa zwei Dutzend Elektroden, die dieselbe Aufgabe erfüllen sollen – es ist technisch unmöglich, diesen massiven Signalinputverlust zu kompensieren. Doch diese Menschen bauen sich einfach ein anderes Hörgedächtnis auf. Andere Hörerinnerungen und –Erfahrungen, wie wir uns es wohl sehr schwer vorstellen können. Deren Hirn lernt mit der Einschränkung umzugehen – doch für den von Geburt an Betroffenen selbst bedeutet dies kaum eine Einschränkungen, weil er nichts anderes kennt. Entscheidend ist hier der Implantationszeitpunkt, je früher desto besser. Langzeitbeobachtungen vieler Frühimplantierter zeigen oft erstaunlich gute Hör- und Sprachergebnisse: Erst neulich durfte ich bei meinem Rehabilitationsaufenthalt in Bad Nauheim (Bericht folgt in Kürze auf #fehrhoert) eine junge Frau aus Hannover kennenlernen welche mit knapp 4 Jahren implantiert wurde und heute mit 22 das schönste Hochdeutsch spricht, welches ich je gehört habe. Diese Frau ist bei weitem kein Einzelfall und die Technik hat sich mittlerweile sehr gut weiterentwickelt.

Unser Hirn ist also sehr flexibel was das Verarbeiten von Eingangssignalen anbelangt und das durfte ich schon mehrmals an mir selbst erfahren:

Als ich vor 18 Jahren mein erstes, analoges im Ohr Hörgerät bekam, hat alles verzerrt und unangenehm geklungen. Der Sound war mechanisch und sogar minimal zeitverzögert und ich wollte nichts damit zu tun haben. Außerdem wollte ich als 11-Jähriger nicht anders sein als meine Mitschüler wegen Mobbing und so. Deswegen trug ich mein Hörsystem in allen möglichen Taschen umher – egal ob Schul-, Hosen-, oder Sporttasche. Bloß in meinem Ohr war es selten zu finden. Erst als ich mit 13, 14 bemerkte, dass ich in der Schule besser mitkam und meine Noten sich etwas besserten, blieb meine Hörhilfe regelmäßiger und länger im Ohr. Mit der Zeit gewöhnte ich mich ans Hörgerät und mein Gehirn sich an den neuen Input. Und siehe da, mit 15 hatte sich mein Kopf schon so an die neue Klangwelt gewohnt, dass sich für mich alles wie früher anhörte. Ich konnte wirklich keinen Unterschied mehr feststellen.

Denselben Effekt bemerkte ich, als ich mit etwa 17 Jahren vom analogen Hörgerät auf das erste digitale hinter dem Ohr Gerät umstellte. Auch da dauerte der Gewöhnungseffekt etwa 1-2 Jahren, doch dann war die neue Begebenheit für mich zur Normalität geworden.

Deswegen Frage ich euch und auch mich: Warum soll das bei einem CI nun für mich nun anders laufen? Meine Hörerinnerungen sind ja immer noch die gleichen – warum sollte ich plötzlich anders hören?

Die Antwort: Ich trage mein CI jetzt seit etwa 4 Monaten, das heißt ich bin noch mitten in der ersten Gewöhnungsphase. Viele Geräusche sind für michjedoch heute schon “genau so wie früher”. Einige Dinge klingen noch anders, wie zB Musik. Ich erfreue mich allerdings definitiv einem besseren Sprachverständnis im Beruf und Alltag, was mein Leben sehr erleichtert hat. Das CI hat mir enorme Lebensqualität zurückgegeben, die ich nicht mehr missen möchte. Ich bin selbstbewusster geworden, traue mich wieder unter Leute. Und das wichtigste ist: Ich sehe wieder eine Zukunft für mich. Eine positive Zukunft, welche ich vor 8 Monaten nicht für möglich gehalten hätte.

Abschließend: Das Hören ist eine komplexe und vor allem subjektive Sache. Es gibt kein “objektives Gehör” auf diesem Erdball, denn für jeden Menschen hören sich akustische Signale unterschiedlich an. Unser Hirn ist sehr flexibel und anpassungsfähig und arbeitet mit allerlei Tricks, um etwaige Hörschwächen zu kompensieren. Was bedeutet das nun für mich: Werde ich je wieder so hören wie früher? Nein, bestimmt nie mehr. Aber mein Hirn wird sicher einen Weg finden, mir abermals vorzugaukeln, dass alles so wie früher ist – wie damals, als ich ein 7 Jähriger Junge war und noch keine Ahnung von Hörsystemen, Cochlea Implantaten und all den anderen Dingen hatte.