Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Schwindel oder Schwindel

1
Jul
27
Es.Kay

Ein bisschen was zur Verarbeitung, zum Zamscheißen, zum weinen, schmunzeln und zum verstehen

Am 12.06. bin ich schon daheim geblieben, weil mir ganz und gar nicht wohl war. Meine Vorahnung sollte mich nicht täuschen wie man spätestens am nächsten Tag sah und – wie ich fand – auf eine harte Art und Weise. Ich hatte wieder die Stimmung wie tags zuvor. Wollte eigentlich nur die Toilette aufsuchen. Mein Kater hat mich angefaucht und übelst miaut, klang fast so als ob er mir sagen wollte: “bleib stehen, das geht nicht gut”. Ich hätte hören sollen. Mir wurde dermaßen schwindelig, wie es für die Mehrheit der Menschen da draußen nicht vorstellbar war. Es fühlte sich an, als würde vorne an der Stirn jemand auf meinem Kopf sitzen und alles hat sich nur noch gedreht. Nichts sah mehr so aus, als ob es mehr an seinem Ort bleiben würde. Mein Herz raste, mein Kopf hämmerte vor Schmerzen, Panik baute sich auf. Ich war total alleine, niemand – menschliches – war in der Wohnung. Schaffte es gerade noch auf den geschlossenen Toilettensitz, alles bewegte sich weiter und meine Pumpe machte den Eindruck, als wollte sie nicht mehr in dem Korb bleiben der sie umgab.

Ich habe mir selbst helfen müssen, aber wie? Der Schwindel sorgte für eine immer größere Panik. Nun, Ich lag halb, saß halb im kleinen Bad meiner Wohnung, kriechte nach gefühlten Stunden, immer noch unter Schwindel, am Boden entlang ins Schlafzimmer aufs Bett zum Handy und versuchte mittels Samsung-Siri mein Handy dazuzubringen Papa anzurufen. (Ich hatte nicht mal mehr daran gedacht, das ich direkt beim Toiletteneingang das Festnetz stehen hab). Es klappte, Papa ging hin, brachte Mama dazu rüber zu mir zu fahren, sich unterwegs meinen Onkel zu schnappen und dem Krankenwagen, hinterherzufahren, den Mama gerufen hatte, als sie hier war.  Bis ich mal im Krankenwagen war… gefühlt ne Stunde vergangen, der Schwindel kam immer wieder sobald ich mich auch nur nen Millimeter im Bett bewegte… und dann noch den 2. Stock runter. Weil das Treppenhaus so eng ist konnte die Trage nicht hoch zu mir.

Einige Monate vorher – im Oktober 2016 – hatte ich gleich mehrere Schwindeanfälle, kleinerer Art und 4 an der Zahl – auf dem Weg in die Arbeit. Sämtliche Menschen am Gleis der U-Bahn-Station Schwanthalterhöhe,  Münchner Hauptbahnhof, am U-Bahnhof “Am Hart”, die Autos an der Kaserne in der ich arbeite – alle sind sie an mir vorbei – obwohl offensichtlich war, wie schlecht es mir ging. Ich war allein. Ich konnte mir nicht selbst helfen. Ich hatte mich ins Büro quälen müssen, wo ich meinem Chef nach seiner Frage “Magst Du auch einen Kaffee” und meiner Antwort “Ich glaube das ist keine gute Idee” beinahe in die Arme gefallen bin und er mit mir dann zum Arzt gefahren ist. Man kann sich fragen warum ich mich überhaupt in die Arbeit gequält habe. Lag daran, weil meine Krankheitstagezahl zwar nicht ultra hoch war aber niedriger hätte sein können, zumindest laut Ansicht einiger Menschen die denken, dass sie meinen Körper bessser kennen als ich selbst (egal ob Familie, Freunde, Kollegen oder Fremde). Auf deutsch: Menschen, die denken, ich mache blau. Und das obwohl ich noch NIE blau gemacht habe seit ich meinen Schulabschluss in der Tasche hatte. Aber es gibt wie gesagt Menschen, die es besser wissen.

Die Diagnose verlief letztendlich auf zwei unterschiedliche Arten von Schwindel, zum einen der Schwindel, der von meinem Gleichgewichtsorganen – deren Funktion immer mehr versagt – ausgelöst wird und zum anderen vom Migräneschwindel. Wenn die beiden dann aufeinandertreffen:

BÄHM — KRACH —- BUMM

Ich war 8 Tage im Krankenhaus. In diesen 8 Tagen hatte ich täglichen Besuch von meinem Mann (Freund), fast täglichen Besuch von meinen Schwiegereltern, und insgesamt 3x Besuch von Freunden, von meiner Mutter selbst glaub ich nur 1 oder 2 mal.  Es ist erschreckend, wenn man das nicht mehr genau weiß, aber erklärend. Es war so wenig, dass es einfach nicht auffiel. Mein Vater war zwar nicht da, hat aber jeden Tag angerufen. Der Rest meiner Familie, teils in München, teils in Hessen, hat sich auch mal gemeldet. Aber sie haben mir alle ein Gefühl nicht nehmen können, die Einsamkeit, das Alleinesein. Es klingt nach viel Beteiligung. Aber das was nach viel Beteiligung klingt, war es für mich leider ganz und gar nicht. 1x 10 Minuten Anrufe sind bei mir keine Beteiligung. Ich war sehr allein über die meiste Zeit, ich hätte vorallem meine Famlie und meine Freunde – von denen ich dachte das es Freunde sind – einfach mehr gebraucht. Das sind dann die Zeiten, wo man ganz schnell ganz viel merkt, dass man selbst oft für andere was gemacht hat, aber sie selbst das gleiche nicht für einen selbst machen würden.

Bereits in der Klinik zeigte sich, dass ich alleine nicht mal in den Patientenpark gehen kann, zwar alleine um die Fernsehr-und Telefonkarte aufzuladen aber nicht in den Patienpark, da baut sich wieder die Angst auf, ich fange an Unruhig zu werden, die Pumpe wird wieder schmerzhaft, meine Hände unruhig. Ich hatte meine ersten Schritte gemacht ohne meine Familie, meine ersten Schritte im Rollstuhl, meine ersten Schritte Oma-gehen, meine ersten Schritte Ente-Watscheln, das mir teils immer noch durchkommt heute.

Nun bin ich seit 7 Wochen zu Hause, ich kann alleine rausgehen, aber nur wenn ich weiß, dass z.B. im Auto in der Nähe oder im Cafe in der Nähe jemand auf mich wartet, und alleine laufe ich fast nur wie eine Ente, wenn auch immer gerader, aber verdammt nochmal ich laufe. Der Schwindel ist nie 100% weg. Mal gehts besser mal schlechter, wobei ersteres öfters vorkommt was den Schwindel angeht. Am besten und wohlsten ist es aber immer noch, wenn jemand bei mir ist. Die meiste Zeit bin ich zuhause alleine, die wenigsten fragen mal nach einem, mein Schwiegervater hat viel nach mir geschaut, er ist jetzt aber leider selbst ein wenig außer Gefecht. Natürlich müssen die Menschen arbeiten und haben auch ihre eigenen Sorgen. Aber es ist schwer wenn man reden möchte und genau diese Menschen dann nicht wollen, können oder was auch immer und einem das Gefühl geben, es interessiert sie einfach nicht. Stattdessen scheinen diese Menschen geradewegs zu wollen das man grübelt.

Natürlich hat jeder seine eigenen Methoden damit umzugehen. Ich freue mich über jeden der an mich denkt – ohne Frage – , mir Gesellschaft leistet und auch jeden Tag meinen Mann <3 zu sehen (schön wärs, eigentlich mein Freund, für den das Ganze auch nicht einfach ist, weil er alles abbekommt, was ich “verteilen” könnte), aber irgendwas fehlt dann trotzdem.

Ich mache bisher fast alles was die Ärzte sagen. Ich gehe zur Physiotherapie zum Gleichgewichtstraining, spiele Tischtennis (wobei das Momentan aussetzt wegen des Wetters), nehme meine Tabletten gegen Migräne, damit zumindest der Migräneschwindel einigermaßen Ruhe gibt. Ich würde auch zu nem Psychologen gehen, was ich echt gern würde, aber da habe ich bisher mehr Pech als Glück was einen Platz angeht. Und nehme nun bald Tabletten, die mir mit meiner Psyche und der Angst ein wenig helfen sollen – aber natürlich nicht auf ewig.

Wenn man mich dann aber mal trifft: Oh du hast aber zugelegt oder oh du bist aber blass oder ich wäre nur noch gereizt oder ich bilde mir alles nur ein oder ich soll mich nicht so anstellen oder oder oder. Die Menschen wissen gar nicht wie sehr diese Sätze verletzen. Wenn man mal nachgefragt hätte bei mir, auch mal öfters, wie es mir den geht, müsste ich mich diesem Schmerz nicht immer aussetzen. Wenn sie den Tipp geben, probier doch immer einen Meter mehr (bezüglich der Schwierigkeit alleine rauszugehen), werde ich erstens nicht fertig mit den Wegen und man würde sich wünschen sie gehen den Weg mit einem. Ich weiß sie meinen es gut, dessen bin ich mir wirklich bewusst, aber wenn man es dann erklären will, hört niemand wirklich bewusst zu oder besser hin. Früher hätte ich darauf entweder beleidigend reagiert oder hätte einen blöden Spruch auf die Sprüche zurück gesagt. Ich kann das nicht mehr. Irgendwann – wenn man manche Sachen von manchen Personen auch zu oft hört – kommt einfach dieser Punkt. Die Personen reden sich immer so leicht. Sie vergessen, bedenken nicht oder wissen einfach nicht, dass ich Medikamente nehme, das ich viel zuhause festsitze, weil ich es einfach nicht schaffe, obwohl ich es immer wieder versuche. Sie beschweren sich, obwohl die Gründe so naheliegend sind, aber man geht eher aus dem Weg als auf einem zu. Obwohl man liebend gern so viel erklären würde.

Und da solche Situationen nicht gut tun, passiert was? Genau man distanziert sich. Mein Vater würde jetzt sagen: So habe ich dich nicht erzogen. Das stimmt: Probleme sind da um gelöst zu werden. Aber kranke Menschen verdienen Aufmerksamkeit. Und sie dürfen auch danach schreien und zwar so laut sie können und das bin ich herrschaftszeiten. Ich bin nunmal krank. Aber ich bin nicht so krank das ich ansteckend bin, oder in die Psychatrie gehöre oder zum Serienmörder werde (auch wenn man sich das bei manchen Personen vorstellt) oder ich nicht mal 1% belastet werden darf bei irgendwelchen Aktionen. Nein, ich braucht nur ein klein wenig Unterstützung, den immer die gleichen fragen kann und will man irgendwann einfach nicht mehr, weil sich dann auch mal nach 100 mal das schlechte Gewissen einschaltet. Beim Hören muss man mir schon niemand helfen, das bekomm ich mit CI und HG ganz gut alleine nun hin. Aber manche Sachen…und wenn man weiß man kann auf manche Leute nicht zählen, dann überlegt man sich eben, ob sie wirklich noch zum Leben gehören oder nicht auch wenns gegen Papas Lehre ist.

Meinen Schwindel haben viele Menschen – es werden immer mehr. Und immer mehr haben genauso mit den psychologischen Folgen zu kämpfen wie ich es nun tue. Mit dieser Angst und einer daraus entstehenden Depression.  Sie verdienen es gestützt zu werden, auch wenn es nicht die einfachsten Menschen in diesem Moment sind. Nein, wir sind verdammt anstrengend. Aber die Welt ist es für uns noch viel mehr, der Lärm, die Hektik, Alkohol, Zigaretten, Streit, Einsamkeit, alles mögliche an negativen Einflüssen, die einen Schwindel unterstützen können…, ihr könnt froh sein, dass ihr da nicht durch müsst. Wir sind alle bereit darüber aufzuklären, aber man muss uns auch lassen, uns zuhören, uns ausreden lassen und uns vorallem NICHT ständig alleine lassen. In Watte müssen wir aber auch nicht eingepackt werden nur damit das mal klar ist. Je mehr das außenrum mithilft desto mehr können wir lernen mit diesem neuen Handicap, das in meinem Fall wahrscheinlich nie mehr ganz weggehen wird, zu leben, zumal man doch auf viel verzichtet was eigentlich Spaß macht.

Euer Taubsi

Ps.: Ich danke denen, die sich meinen Text wirklich bis zum Ende durchgelesen haben, ohne Bildschirm aus, wegklicken oder sonst was. Den solche Themen gehören auch mal zum Leben und sich damit auseinander zu setzen auch. Einige werden sicherlich unter Umständen nach diesen Zeilen sogar angesprochen fühlen, aber ich bin froh das mir wieder der Weg eingefallen ist, den ich beinahe vergessen hätte. Einer der Wege für mich selbst !

Silke alias Es.Kay alias Münchner Taubsi
Eine Antwort
  1. Oliver | Redakteur sagte am 7. August 2017

    Danke Silke, für´s teilhaben lassen… ein sehr intensives Erlebnis, absolut lesenswert

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