Deaf Ohr Alive - Die Blog-Cummunity der DCIG

Das Ich im Wir…

2
Okt
9
rannika

Wenn man früh morgens aus dem Bett aufsteht und das Pegel der Vorfreude immer weiter nach oben steigt, sobald man im Zug oder Auto sitzt, dann ist wieder klar, dass eine neue Blogwerkstatt vor der Tür steht. Das Ziel dieses Mal: Berlin, unsere Bundeshauptstadt und ein ganz heißes Pflaster was die Sache mit der Schwerhörigkeit anbelangt. Es standen fünf Tage an. Fünf Tage mit Gleichgesinnten zusammen zu sein: Das heißt sich auszutauschen über seine Erlebnisse im Alltag, sich gegenseitig Tipps und Ratschläge zu geben oder auch voneinander zu profitieren und zu lernen. Kurz gesagt, gelebte Selbsthilfe eben. Dann natürlich alte Gesichter wiedersehen und neue Gesichter kennenlernen; Spaß haben und tanzen.

Das Motto dieses Mal lautete: Tanztheater Level 2 – Du gehörst zum Wir! Es sollte eine Fortsetzung zur Blogwerkstatt 5 sein, welche in Kassel stattfand und auch das Thema Tanztheater hatte. Dort stand das WIR im Fokus. Dieses Mal in Berlin ging es um das ICH. Roman Windisch gab uns hierzu am ersten Tag folgende Frage mit auf den Weg, mit der wir uns die Tage über beschäftigten: Wer bist DU im WIR? und auch das wir ihm und uns selbst vertrauen sollen. Wohin das alles hinführen wird, wussten alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es ging in den fünf Tagen darum, aus uns herauszukommen, neue Bewegungen auszuprobieren. Sich selber spüren oder auch zu spüren was sich noch alles so in einem selbst versteckt, was bis dahin noch unentdeckt blieb. Wir arbeiteten in Kleingruppen. Dabei ging es darum, sich selbst zu finden und sich gleichzeitig mit der Kleingruppe auseinanderzusetzen, auf der Suche nach dem eigenen ICH. Die meiste Zeit waren wir in den Räumen der Tanztangente.

Doch nein, wir versteckten uns nicht. So machten wir uns zwei Mal auf den Weg, den Botanischen Garten zu besuchen. Dort vertieften wir unsere Choreographien weiter. Es waren für alle total neue Erfahrungen. Denn wer fängt plötzlich in der Öffentlichkeit einfach so an zu tanzen? Blicke der anderen Besucher und Besucherinnen des Botanischen Gartens waren somit vorprogrammiert. Doch wer am Anfang noch Sorge hatte, dass wir dabei bei unseren Bewegungen beobachten werden und am liebsten im Boden versunken wäre, wurde eines Besseren belehrt. Zumindest mir ging es so. Man ist so fokussiert auf sich selbst, da ist es ganz egal wo man gerade ist und wie man sich bewegt. Die Eindrücke der Umwelt werden zwar wahr genommen, wie beispielsweise der Wind, die Menschen, das Gras, der Himmel und die Erde oder auch das Wetter (das erste Mal traumhaft sonnig, das zweite Mal nasskalt und regnerisch), aber man wird Eins mit sich selbst. Man vergisst alles um sich rum, bis der Tanz zu Ende ist. Ganz nach dem Motto von Fred Astaire: „Tanzen ist Träumen mit den Füßen“.

Damit das Tanzen nicht zu einseitig wird für uns, wurden wir an einem Nachmittag mit dem Auftrag überrascht in 70 Minuten ein Musikvideo zu drehen, zum Lied „Die Fantastischen Vier – Zusammen feat Clueso“, das nicht geschnitten wird. Das bedeutete für alle Beteiligten volle Konzentration von Anfang bis zum Ende. Wir haben uns alle so sehr in unseren Auftrag gestürzt. Das Ergebnis ist der Hammer! Es war für uns alle sehr positiv und überraschend anzusehen, wie wandelbar wir sind.

Doch auch der Spaß sollte nicht zu kurz kommen. Das unbeschreibliche Gefühl der Gemeinschaft. Gruppenkuscheln. Wärme spüren. Berlin erleben. Die Zeit der Blogwerkstatt 7 fiel auf die Tage vor dem 3. Oktober. Der Feiertag für Deutschland und wir an dem Ort wo vor 28 Jahren Geschichte geschrieben wurde. Der Tag der deutschen Einheit und auch wir merkten, wir sind eine Einheit und trotzdem ICH. Eine Einheit deshalb, weil die Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus ganz Deutschland und sogar aus Österreich anreisten. Die Tage vergingen wie im Flug und viel zu schnell mussten wir wieder voneinander Abschied nehmen. Aber das Gefühl und die Erlebnisse der letzten Tage lassen einen gestärkt in den Alltag zurückkehren.

 

 

Sprich mit mir: Glücksmomente unter Hörenden

1
Nov
19
laurahaertel

An diesem Wochenende bin ich zum ersten Mal nach längerer Zeit mal wieder an der Uni. Anlass ist eine Konferenz, die jedes Jahr von den Studierenden meines Fachs organisiert wird. Dieses Jahr war jedoch der nachfolgende Jahrgang mit der Orga betraut, sodass schon im Vorwege klar war, dass ich kaum jemanden kennen würde. Und vor allem – Die kennen mich noch nicht! Und damit auch meine FM-Anlage nicht… Gefühlsmäßig noch auf der letztes Blogwerkstatt und somit im Schlaraffenland der wunderbaren Kommunikation, hatte ich also ein bisschen Bammel vor diesem Wochenende. Zu meiner Erleichterung werden ich und meine Mikros (Yeah, wir bilden so ne Art unzertrennliche Einheit an der Uni :-D) selbstverständlich in die Gruppe aufgenommen.

In der Mittagspause passiert es dann: Ich sitze mit drei anderen am Esstisch, unterhalte mich vornehmlich mit einen bekannten Kommilitonen und „oute“ mich den anderen gegenüber nicht. Als wir aufbrechen wollen und ich meinen Rucksack unter dem Tisch hervorziehe, fällt einer der „Ich bin taub, sprich mit mir“-Button daran auf. Prompt kommt die Frage, die Hörende dann fast immer stellen: „Kannst du auch Gebärdensprache?“ Mit einen Unterschied zu sonst: Sie wird in Gebärden gestellt! Ich bin erst mal baff. Dann kommen wir schnell ins Gespräch über das Wieso und Woher. Plötzlich sind es die Anderen, Hörenden, die auf einmal daneben stehen und uns nicht folgen können. Mehr im Scherz als ernsthaft meine ich zu meiner Gesprächspartnerin, wir könnten ja am Abend beim Open Space einen Gebärdenkurs anbieten. Wir grinsen uns an. Juhu, eine Verbündete!

Der Nachmittag vergeht und am Abend kommen alle zusammen, um Pläne für den Open Space-Abend zu schmieden. Im Angebot sind unter anderem Improtheater, Tauchabenteuer und weiblicher Orgasmus (fragt lieber nicht…). Das reicht dem Orgateam jedoch noch nicht. Da gebärdet mich meine neue Bekannte aus der Mittagspause an: „Wollen wir?“ Ich grinse und gebärde “Ja”. „Wir machen einen Gebärdensprachkurs. Wer Lust hat…“ Ernsthaft rechne ich nicht mit großen Interesse. Abends um neun nach einen anstrengenden Tag noch Sprachkurs? Und außerdem: Ist das nicht viel „exotisch“? Ich befinde mich unter lauter „Weltrettern“, es soll hier eigentlich vor allem um Nachhaltigkeit gehen. Interessiert die das?

Aber als wir in den Raum kommen, sind ca. 15 Leute da. Mit ersthaften Interesse und voll motiviert. Und wir improvisieren einfach. Erzählen erstmal ein bisschen Allgemeines zu DGS und LBG, zeigen ein Gebärdenmusikvideo und bringen den Teilnehmern das Fingeralphabet bei, sodass bald alle stolz ihren Namen fingern. Aber vor allem kommen wir ins Gespräch: Übers Hören und Nicht-Hören, über das (Uni-)Leben mit Hörschädigung, über die liebe Technik, über das CIs… Ich bin baff, wie viel Interesse, Neugier und Wissen-Wollen mir entgegenschlägt!

An diesem Abend passierte genau das, was auf meinen Rucksack prangt: Ich bin taub, sprich mit mir. Diese Aufforderung zum Gespräch, zum Kennenlernen und Nachfragen wurde hier so begeistert aufgegriffen wie selten.

Danke für den coolen Button! 😀

 

Hörst Du wer da kommt?

0
Jul
11
pialeven

Es handelt sich nicht darum, ob wir treppauf oder treppab gehen, sondern wohin wir gehen und was das Ziel unserer Schritte ist.

Heute morgen sitze ich in meinem Büro und habe mein Fenster auf Kipp.

Diesmal konnte ich an Hand der Schritte feststellen, wer gerade an meinem Büro vorbeiläuft. Das war ein verdammt cooles Gefühl, denn solche Momente halten mir immer wieder vor Augen, wie viel besser ich mit meinen zwei CIs hören kann.
Praktisch – jetzt weiß ich wer gerade im Hause ist, obwohl ich der Person noch nicht über den Weg gelaufen bin.

Euch allen ganz HÖRzliche Grüße und haltet die Ohren steif!